SWR Kultur lesenswert – Literatur
PodcastAllemand

SWR Kultur lesenswert – Literatur

NouveauFrankfurter Buchmesse 2026: Edgar Selge, Johanna Sebauer und Thomas von Steinaecker23 octobre 2026 · 56 min
Épisodes
904
Parution
quotidienne
Dernier épisode
23 Oct 2026

À propos du podcast

Die Sendungen SWR Kultur lesenswert können Sie als Podcast abonnieren.

Épisodes 904

  1. Frankfurter Buchmesse 2026: Edgar Selge, Johanna Sebauer und Thomas von Steinaecker

    56 min

    Edgar Selges neuer Roman „Juras letzter Winter“ Zweimal geht es um die Rekonstruktion einer Identität: Edgar Selge erzählt in seinem neuen Roman „Juras letzter Winter“ von einem Jungen, der bei der Blockade …

    Notes de l’épisode
    Edgar Selges neuer Roman „Juras letzter Winter“ Zweimal geht es um die Rekonstruktion einer Identität: Edgar Selge erzählt in seinem neuen Roman „Juras letzter Winter“ von einem Jungen, der bei der Blockade Leningrads durch die Wehrmacht verhungert ist. Der Erzähler des Romans findet Juras Tagebuch und hat immer stärker das Gefühl, den toten Jungen gekannt zu haben. Skurrile Doppelgänger in Johanna Sebauers „Popóm“: Was tun, wenn plötzlich ein Mensch auftaucht, der das ältere Abbild von einem selbst ist? Johanna Sebauer spielt in ihrem Roman „Popóm“ mit dem Unwahrscheinlichen, auf ganz realistische Weise. Thomas von Steinaeckers zwei „Schwestern“ Thomas von Steinaeckers siebter Roman „Schwestern“ untersucht Verantwortungen und Lebensentscheidungen: In der bayrischen Provinz der 1980er Jahre wachsen die Schwestern Simone und Bettina auf. Interessiert hat von Steinaecker beim Schreiben das vermeintlich Banale, das Alltägliche, die Momente, in denen die großen Lebensentscheidungen gefällt werden.
  2. „Sie werden ja wohl ahnen, warum ich Sie anrufe?“

    8 min

    Ein Anruf, mit dem niemand rechnet Wer einen der großen Literaturpreise bekommt, erhält irgendwann einen Anruf. Völlig unerwartet. Han Kang etwa wollte gerade zuhause einen Kamillentee trinken, Anne Carson …

    Notes de l’épisode
    Ein Anruf, mit dem niemand rechnet Wer einen der großen Literaturpreise bekommt, erhält irgendwann einen Anruf. Völlig unerwartet. Han Kang etwa wollte gerade zuhause einen Kamillentee trinken, Anne Carson machte einen Spaziergang in Island am Strand, und Annie Ernaux hat den Anruf gleich ganz verpasst. Nobelpreisträgerinnen. Beim Georg-Büchner-Preis ist das ähnlich, erinnert sich Terézia Mora, bei der das Telefon im Sommer 2018 klingelte: „Es erreicht einen immer unerwartet oder zumindest mich, weil ich es nicht in meinem inneren Kalender aufgeschrieben habe, wann in etwa die Entscheidungen getroffen werden. Und ich wurde tatsächlich aus dem Kalten erwischt an einem fürchterlichen Tag im Übrigen, weil ich am gleichen Tag die Nachricht bekommen habe, dass ein Freund von mir gestorben ist.“ Verarschen Sie mich? Ich spreche mit Terézia Mora über Teams. Sie sitzt in ihrem Arbeitszimmer, hat das Mikrophon auf einem Stapel bunter Notizbücher platziert. Es sind die Notizen für ihren nächsten Roman. „Und unmittelbar kurz danach kommt dieser Anruf. Das heißt, wie sollen Sie das jetzt emotional überhaupt einordnen? Aber ich weiß, was mein erster Satz war gegenüber Ernst Osterkamp, dem damaligen Präsidenten der Akademie, der mich anrief“, beschreibt Mora diesen Moment. „Zuerst sagte er, Sie werden ja wohl ahnen, warum ich Sie anrufe, und ich: warum sollte ich das ahnen, ich war ganz woanders. Und dann, als er gesagt hat, dass ich den Büchner-Preis bekomme, war meine Gegenfrage: Verarschen Sie mich?“ Keine Verarsche, alles echt. Drei Monate später wurde der Preis verliehen, der als der renommierteste deutsche Literaturpreis gilt. Dazu gab es ein hübsches Honorar: „Der Büchner-Preis, der ist relativ hoch dotiert, konkret mit 50.000 Euro, und als das bei meiner Bank ankam, haben sie es wieder zurückgeschickt an den Absender, weil sie gesagt haben, das ist eine verdächtige Summe“, erinnert sich Terézia Mora. „Solche Summen kommen hier normalerweise nicht an. Das muss ein Irrtum sein. Und ich musste dann tatsächlich bei der Bank anrufen und ihnen erklären, dass das alles seine Richtigkeit hat. Und das Preisgeld musste noch einmal überwiesen werden.“ Niemals mit einem Preisgeld rechnen! Ein Preisgeld stützt, aber man darf niemals, wirklich niemals darauf rechnen, sagt Terézia Mora, die ihre Ehrenurkunden im Schrank lagert. Preise sind unplanbar. Auch nicht für einen geübten Gewinner wie den Suhrkamp-Verlag, zu dem sieben der letzten zwölf Büchner-Preisträger gehören. Ich treffe den Verleger Jonathan Landgrebe im Berliner Suhrkamp-Haus, in einem Raum mit Regalen bis unter die Decke. Darin: Nobelpreisträger wie Hesse und Beckett, Handke und Ernaux. Und auch Büchner-Preisträger wie Clemens Setz, Lutz Seiler und Oswald Egger. Allerfeinste Gesellschaft. Aber macht der Büchner-Preis auch Kasse? „Beim Büchner-Preis würde ich zum Beispiel sagen, dass die Direktwirkung gar nicht so groß ist, aber die Tatsache, dass ein Autor oder eine Autorin diesen Preis gewonnen hat“, erklärt der Verleger. „Das kommt dann schon an, nach und nach, bei allen, dass das eine Rolle spielt, dass das eine Würdigung ist, dass man da von Literatur spricht, die lesenswert ist und Qualität hat, und das muss sich dann gar nicht unbedingt zu dem Zeitpunkt auswirken, sondern das hat eine langfristige Wirkung für das Werk eines Autors, einer Autorin.“ Einzelne Bücher machen Kasse Langfristige Prestigesteigerung – auf jeden Fall! Auch später werden die großen Preise in Klappentexten, Zeitungsartikeln und Anmoderationen immer wieder erwähnt. Kurzfristig aber ist ein Büchner-Preis nicht notwendig ein Kassenschlager. Das könnte beim Nobelpreis ähnlich sein. Denn beide zeichnen ein umfangreiches Gesamtwerk aus. Nicht selten fragt sich dann der ratlose Käufer im Laden: Und welches der Bücher soll ich jetzt nehmen? Schnellere Wirkung erzielen Preise, die nur ein einzelnes Buch auszeichnen. „Dazu zählt sicherlich der Deutsche Buchpreis, bei dem die Monate seit der Verkündung von Oktober bis Weihnachten eine riesige Rolle für die Verkäufe spielen. Dann gibt es das Halbjahr danach, da spielt das auch noch eine Rolle. Und dann mit der Zeit verliert es sich ein bisschen“, sagt Jonathan Landgrebe. Verlagswechsel beim Deutschen Buchpreis Weihnachtsgeschäft als saisonaler Vorteil. Der letzte Deutsche Buchpreis liegt für Suhrkamp aber schon etwas zurück. Tatsächlich wechseln sich die Verlage beim Deutschen Buchpreis stärker ab. Zuletzt feierten Kiepenheuer & Witsch, Hanser und Klett-Cotta. Auch der erst 2004 neugegründete Verlag Matthes & Seitz mischt zunehmend mit im Preisgeschehen. Verleger Andreas Rötzer erinnert sich: „Den größten ökonomischen Effekt hatte mit Sicherheit Frank Witzels „Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Ich liebe es, diesen Titel auszusprechen! Das war der Deutsche Buchpreis 2015. Das war ein Preis, der uns plötzlich ganz viel Aufmerksamkeit verschafft hat und Reputation und natürlich auch Verkäufe.“ „Und fünf Jahre später dann mit Anne Weber „Annette. Ein Heldinnenepos“ dann nochmal den Deutschen Buchpreis. Schon davor ist das Buch gut gelaufen, es war eine Art Lieblingsbuch von vielen Lesern und hat dann durch den Preis den Weg in die ganz große Öffentlichkeit bekommen“, erklärt Rötzer. Wenn auch das Ausland hellhörig wird Sobald ein Buch einen Preis bekommt, verkaufen sich auch seine Übersetzungslizenzen besser. Aktuell kümmert man sich bei Matthes & Seitz aber erstmal um Anne Carson. In den Verlagsfenstern hängen Bilder der Kanadierin, frisch ausgedruckt. In den Verlagsräumen: ein meterhohes Porträt. Darauf steht gedruckt: „Nobelpreis für Literatur 2026“. Vier Bücher von Anne Carson hat der Verlag im Programm. Die Nachricht kam während der Frankfurter Buchmesse: „Wir hatten tatsächlich gar kein Buch am Stand, weil wir natürlich bei über 100 Titeln im Jahr eine Auswahl treffen müssen von Titeln, die wir am Stand haben in Frankfurt“, erzählt Andreas Rötzer von Matthes & Seitz. „Aber ein Mitarbeiter konnte in einer befreundeten Buchhandlung in Frankfurt zum Glück noch ein Exemplar des letzterschienenen Buchs auftreiben, sodass wir eine Trophäe hatten. Und dann kamen am nächsten Tag aber schon aus dem Lager die Bücher, die wir dann auch dort ausstellen konnten.“ Und wie ist aktuell die Lage am Lager? „Im Grunde ist es bei dem Nobelpreis so, dass in dem Moment der Verkündigung diese Bücher im Lager quasi verdampft sind, also alle ausverkauft sind. Dann werden natürlich die Buchhandlungen bedient, dann die Großhändler und dann geht es ans Nachdrucken. In dem Fall war mein erster oder mein zweiter Telefonanruf natürlich gleich der beim Drucker, um die Nachdrucke zu organisieren.“ Nobelpreisbücher im Lager schnell verdampft Wie viele Bücher dann aber im Laden auch tatsächlich gekauft wurden, lässt sich erst in einigen Wochen oder sogar Monaten beziffern. Ähnliches gilt für das druckfrische Papageien-Buch, das die Büchner-Preisträgerin Christine Wunnicke für Matthes & Seitz geschrieben hat. Wie stark ein Verlag die Auswirkungen eines Preises spürt, hat übrigens auch mit seiner Größe zu tun, sagt Suhrkamp-Verleger Jonathan Landgrebe: „Wenn ein kleiner Verlag so einen Preis gewinnt, dann kann das so viel Umsatz bringen, dass das das übertrifft, was ein Verlag normalerweise überhaupt an Umsatz macht. Und je größer ein Haus wird, desto stärker relativiert sich das.“ „Wir sind ein großes mittleres Haus, vielleicht sagt man es so. Bei uns spielt das eine Rolle, wir nehmen das wahr, das ist auch wichtig. Aber natürlich ist es auch nicht so, dass nun alles daran hängt“, so Landgrebe. Die große Ermutigung Verkaufszahlen sind wichtig, aber sie sind nicht alles. Viel wichtiger ist die große Ermutigung, die mit einem Literaturpreis verbunden ist. Findet Terézia Mora. Für den Verlag und für die Autorin. „Ich habe gleich mit meinem allerersten Text, das war die Erzählung „Durst“, Anerkennung bekommen und Geld, öffentlich. Denn meinen allerersten Text, den ich geschrieben habe, habe ich eingereicht beim Open Mike. Und ich habe diesen Open Mike gewonnen“, erinnert sich die Autorin. „Ich habe einen Verlagsvertrag bekommen. Und ab da schien es so zu sein, als wäre das unvermeidlich, als wäre das mein Schicksal, das von vornherein für mich vorbestimmt war, dass ich Autorin werde und davon lebe.“
  3. Zwischen Nähe und Distanz

    6 min

    HÖRSPIEL – Auftakt: Bericht (BE) / Monolog (MO) / Analyse (AN) (BE): Aus dem Fenster der Kabine sieht sie bemerkenswerte Formationen, (MO): frei flottierende Kuppeln und Türmchen, Stalagmiten, die aus der …

    Notes de l’épisode
    HÖRSPIEL – Auftakt: Bericht (BE) / Monolog (MO) / Analyse (AN) (BE): Aus dem Fenster der Kabine sieht sie bemerkenswerte Formationen, (MO): frei flottierende Kuppeln und Türmchen, Stalagmiten, die aus der relativen Dunkelheit des weit unter ihr liegenden Tieflands zu erwachsen scheinen. (AN): So wird sie es später beschreiben, als sie im künstlichen Licht des kleinen Auditoriums steht, (MO): Wolkensäulen, Streben, Baldachine, (AN): und es wird sie in diesem Moment das plötzliche Gefühl befallen, es handle sich bei ihrer Schilderung um eine Indiskretion, eine Zudringlichkeit, (BE): es verletze ihre Benennung dieser Dinge ein unausgesprochenes Gebot. Eine Stimme, aber sie bleibt nicht dieselbe. Mal berichtet sie, dann zieht sie sich zurück, wird analytisch, fast intim und wieder sachlich. Im Produktionsmanuskript stehen dafür Kürzel: Bericht, Monolog, Analyse. Später kommen Liebe dazu, Zorn, Wut. Insgesamt neun Figuren. Schauspielerin Britta Hammelstein spricht sie alle. Ein Hörspiel, eine Sprecherin Und genau das ist der Trick dieser Hörspielfassung: Sie versucht gar nicht erst, aus Dorothee Elmigers vielstimmigem, verschachteltem Roman ein klassisches Hörspiel mit sauber verteilten Rollen zu machen. „Deswegen lege ich durch die Bestimmung von Haltungen die Ränder des Spiels genau fest. Also ich ziehe Leitplanken ein und behaupte, innerhalb dieser Leitplanken kann der Schauspieler, die Schauspielerin die größtmögliche Freiheit erleben“, ...sagt Ulrich Lampen, der Regie führte und den Text bearbeitete. „Das sind teilweise technische Parameter, Stimmanteil, Abstand zum Mikro, Monolog, reiner Gedanke, nicht nach außen“ Besondere Herausforderungen Leitplanken für einen Text, der selbst ständig aus ihnen auszubrechen scheint. Elmiger schickt eine Schriftstellerin nach Panama. Ein Theatermacher will dort das Verschwinden zweier realer niederländischer Studentinnen rekonstruieren. Doch die vermeintliche Kriminalgeschichte zerfällt immer weiter in andere Geschichten. Alles ist zugleich erlebt, berichtet, zitiert, vielleicht erfunden. Eine Herausforderung für Britta Hammelstein: „Die Autorin schreibt grundsätzlich oder durchgehend im Konjunktiv. Dadurch hat man eine, ich will es positiv formulieren, eine Distanz, aber man hat dadurch auch eine Herausforderung im sich Annähern. Man muss den Text, die Formulierung teilweise wie ignorieren, um an eine Person heranzukommen.“ Fünfzehn Mikrofone im Einsatz Also muss Hammelstein Nähe herstellen, ohne diese Distanz einfach wegzuspielen. Und dafür bekommt jede Haltung ihren eigenen Klang. Als Soundtechniker ist es Andreas Völzings Aufgabe diesen im Blick zu haben: „Die Sprecherin spricht aber in verschiedenen Haltungen. Das heißt, sie spricht nicht den ganzen Text in einer Erzählmanier durch, sondern mal ruhig, mal zornig, mal wütend. Die Wut haben wir in dem eher reflektionsarmen Raum aufgenommen, der so klingt, als wäre es draußen. Die liebevollen Sachen haben wir in einem kleineren Raum aufgenommen mit einer wärmeren Akustik.“ Für laut und wütend ein anderes Mikrofon als für nah und leise. Insgesamt kamen ungefähr fünfzehn Mikrofone zum Einsatz. Eine Stimme wird so zu einer ganzen akustischen Landschaft. Und manchmal verlässt diese Stimme sogar das Studio. Eine Idee von Ulrich Lampen. „Wir waren auch mit einer Haltung draußen in der Fußgängerzone, weil ich mir verspreche, dass es etwas vollkommen anderes gibt“, beschreibt der Regisseur. Im Manuskript heißt diese Haltung schlicht: Headset. In Bewegung, mitten im Alltag. Das ist eine ziemlich genaue Antwort auf Elmigers Roman: Denn auch der springt ständig zwischen unmittelbarer Erfahrung und der Erzählung darüber. HÖRSPIEL – Haltungswechsel: Zorn (ZO) / Bericht (BE) / Wut (WU) / Liebe (LI) (ZO): In der vierten Nacht — und es seien stets die Nächte gewesen, in denen sich alles zugespitzt habe — sei sie gestürzt, sagt sie, ein simpler Fehltritt, bei dem sie sich das rechte Handgelenk verstaucht habe. (BE): Vieles von dem, was in den Tagen danach geschehen sei, habe sie deshalb mit der linken Hand aufgeschrieben, (WU): Dutzende Seiten Text, über denen sie später, beim Versuch, sie abzutippen, immer wieder verzweifelt sei. (LI): Aber in der ungelenken Schrift, den zahllosen Verschreibern und durchgestrichenen Passagen habe sich ihr ein Zustand gezeigt, eine fiebrige Haltlosigkeit, eine Erosion, die sich im Laufe jener Tage zwischen den Wendekreisen vollzogen haben müsse. Keine eindeutige Auflösung Man muss diese Kürzel im Manuskript beim Hören nicht kennen. Entscheidend ist, dass man ihre Wirkung spürt. Die Stimme verschiebt sich. Nähe und Entfernung verändern sich. Ein Satz wird plötzlich dringlicher, der nächste kühl. Und Hammelstein sagt, dass genau diese Bewegungen beim Einsprechen nicht vollständig planbar waren: „Wir haben uns dann eben durch die Vorgaben der verschiedenen Ebenen gearbeitet, die auch nicht fest waren. Wir haben auch das gemeinsam herausfinden können.An einem Tag ist man emotionaler gewesen. Die Erzählung war vielleicht auch eine emotional lautere. Dann gab es zurückgenommene Sachen.“ Vielleicht passt dieses Verfahren gerade deshalb so gut zu den „Holländerinnen“. Denn Elmigers Roman misstraut der Vorstellung, dass eine Geschichte einfach wahr wird, wenn man nur nah genug an sie herangeht. Die beiden realen Frauen verschwanden in Panama. Es gibt Fotos, Dokumente, Spekulationen und Verschwörungstheorien. Aber Elmiger rekonstruiert ihren Tod gerade nicht. Auch Lampens Hörspiel verweigert die eindeutige Auflösung. Unheimlich wird das bei den 91 Nachtaufnahmen einer Kamera. HÖRSPIEL – Nachtbilder / Diaprojektor: Bericht (BE) / Analyse (AN) (BE): Fast ausnahmslos, fährt sie dann fort, zeigten diese Bilder nur die Nacht — Bild um Bild ein nachtschwarzer Himmel, der temporär vom Blitzlicht der Kamera erleuchtet werde. (AN): Beinahe neunzig Mal habe jemand mit der Kamera in die Luft gezeigt und die leere Nacht fotografiert, oft im Abstand von nur wenigen Sekunden. Womöglich, sagt sie, um ein Signal zu geben oder, so die vielleicht plausibelste Erklärung, um etwas sehen zu können. Aber auf den Bildern zeige sich nichts. Etwas sehen wollen. Immer wieder hinschauen. Und feststellen: Da ist nichts, was die Geschichte endgültig erklärt. Das ist vielleicht auch die eigentliche Bewegung dieses Hörspiels. Ulrich Lampen will Elmigers Roman deshalb ausdrücklich nicht leichter konsumierbar machen: „Wir machen das hoffentlich nicht, um Dinge zu trivialisieren oder um Dinge leichter konsumierbar zu machen, sondern wir machen das, weil wir glauben, eine akustische Qualität entdeckt zu haben in diesem Werk. Und damit kommt etwas hoffentlich dazu.“ Etwas kommt dazu. Nicht die Erklärung. Sondern Klang, Raum, Nähe und Distanz. Aus einer Sprecherin werden viele Haltungen. Aus einer Geschichte immer neue Geschichten. Und aus einem Roman, der sich jeder eindeutigen Wahrheit entzieht, ein Hörspiel, das genau dieses Schwanken hörbar macht.
  4. Mit neuen Büchern von Sebastian Fitzek, Lauren Groff, Mattias Timander und Attica Locke

    55 min

    Mattias Timander erzählt von einem Dorf in Nordschweden, Lauren Groff von enttäuschten Hoffnungen und: Wir denken über Literaturpreise nach.

  5. Die Hoffnung nicht aufgeben: Attica Lockes „Führe mich heim“

    4 min

    „Der Anstand gebietet es, zu kämpfen, immer und überall.“ Das ist das Credo, nach dem Texas Ranger Darren Matthews bisher gelebt hat. Ein Credo, das ihm sein Onkel vermacht hat, einer der ersten Schwarzen Texas …

    Notes de l’épisode
    „Der Anstand gebietet es, zu kämpfen, immer und überall.“ Das ist das Credo, nach dem Texas Ranger Darren Matthews bisher gelebt hat. Ein Credo, das ihm sein Onkel vermacht hat, einer der ersten Schwarzen Texas Ranger. Doch nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA weiß er in Attica Lockes fulminanten, düsterem Roman „Führe mich heim“ nicht mehr, ob er diesem Credo weiterhin folgen kann. „Er fragte sich, was die jungen Leute, die für die Bürgerrechte und gegen den Vietnamkrieg auf die Straße gegangen waren, über den heutigen Zustand des Landes gedacht hätten.“ Er fragte sich, was mehr schmerzte: In einem Land zu leben, das nie auch nur eines seiner Versprechen gehalten hatte, oder mitzuerleben, wie es eine Zeit lang seine Fähigkeiten zum Guten einsetzte und weiterentwickelte, um dann voll gegen die Wand zu fahren.

    Quelle: Attica Locke – Führe mich heim

    Wie weitermachen unter Donald Trump? Donald Trumps Wahl hat ihn in seinen Grundfesten erschüttert, er leidet, er befürchtet, dass etwas Schreckliches bevorsteht, er weiß nicht, wie er weitermachen soll. Also trinkt er zu viel und quittiert den Dienst. Ausgerechnet seine Mutter, die ihn verlassen und von seinen Onkeln hat aufziehen lassen, die ihn belogen und verraten hat, tritt nun abermals in sein Leben und bringt den Fall in diesen Kriminalroman: Eine Schwarze Studentin ist verschwunden, niemand sucht nach ihr. Darren Matthews soll herausfinden, ob sie tot ist. Seine Ermittlungen führen in die Abgründe moderner Arbeitsabhängigkeiten und die Folgen jahrhundertelanger Ausbeutung. Jedoch macht nicht dieser Fall diesen Roman bemerkenswert, sondern die Figur Darren Matthews. „Führe mich heim“ ist der Abschluss der Trilogie um den Schwarzen Texas Ranger – und um Matthews‘ Fallhöhe gänzlich zu verstehen, ist es hilfreich, die vorherigen Bände zu kennen. Einst hoffnungsvoll, nun verzweifelt Denn er verkörperte in dem Auftakt „Bluebird, Bluebird“ die Hoffnung vieler Schwarzer US-Amerikaner, die USA zu einem besseren Ort für alle Menschen zu machen. Darren Matthews wollte Vorbild sein und für Gerechtigkeit sorgen in seinem Heimatstaat: Ost-Texas mit seinen dichten Kiefernwäldern und feuchtschwülen Bayous, dessen Ambivalenzen und Schönheiten sich in der reichen, bildhaften Prosa von Attica Locke wiederfinden. Aber die Wirklichkeit ist gegen Darren Matthews – nicht nur die politische: Schon in „Bluebird, Bluebird“ hat er sich mit einer Neo-Nazi-Organisation angelegt – und als er dann glaubte, ein alter Freund hätte einen weißen Rassisten ermordet, hat er Beweise manipuliert und einem anderen den Mord angehängt. Er hat sein Gerechtigkeitsempfinden über das Recht gestellt. Er könnte so weitermachen, ein Cop auf Abwegen, der Selbstjustiz übte, der ein selbst zusammengeschustertes Recht vollstreckte, aber dann würde er von innen heraus verfaulen, bis ihm der Gestank aus allen Poren drang.

    Quelle: Attica Locke – Führe mich heim

    Allzu oft nehmen in Kriminalromanen Gesetzeshüter bedenkenlos die Dinge selbst in die Hand – in „Führe mich heim“ frisst Darren Matthews seine Selbstjustiz regelrecht von innen auf. Aber er weiß: Als Schwarzer Ex-Gesetzeshüter würde er im texanischen Gefängnis nicht überleben. Die Kraft der Hoffnung Meisterlich fängt Attica Locke in ihrem verzweifelten Roman die Ambivalenzen des Daseins von Darren Matthews ein. Seine Enttäuschung, seine Angst. Wie viel Mut und Kraft es kostet, an Überzeugungen festzuhalten, wenn die Welt um einen herum jegliche Moral einbüßt und sich überall Lügen türmen. Und letztlich wird dadurch sehr eindringlich deutlich: Hoffnung ist eine Entscheidung. Sie war ein kostbares Gut, das in der Familie Mathews von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Klar, oft wurde einem Hoffnung statt echter Veränderung verkauft, ein billiger Platzhalter für bessere Zeiten. Aber sie hielt einen auch am Leben.

    Quelle: Attica Locke – Führe mich heim

    „Ohne Hoffnung konnte man keine Tomate, keine Paprika, keinen Pfirsich ziehen. Man musste daran glauben, dass das Land, auf dem man stand, Früchte tragen würde, wollte man die Mühen auf sich nehmen. Man musste sich den gedeckten Tisch vorstellen können“, schreibt Locke. Deshalb ist „Führe mich heim“ nicht nur ein sehr guter Abschluss für Attica Lockes Trilogie, sondern auch ein Roman, der perfekt in unsere Gegenwart passt.
  6. Aufbruch ins Offene – Lauren Groffs Bilder aus Amerika

    5 min

    Man hält den Atem an, während man diese Geschichten von Lauren Groff liest, weil man weiß: Gleich wird etwas passieren. Und es wird keine Kleinigkeit sein. Bereits der knappe Titel des Sammelbandes „Raufbold“ …

    Notes de l’épisode
    Man hält den Atem an, während man diese Geschichten von Lauren Groff liest, weil man weiß: Gleich wird etwas passieren. Und es wird keine Kleinigkeit sein. Bereits der knappe Titel des Sammelbandes „Raufbold“ weckt Assoziationen an Gewaltausbrüche. Eine misshandelte Mutter mit drei Kindern auf der Flucht vor ihrem brutalen Ehemann. Eine aggressive junge Turmspringerin, die den Kick im Schwimmbecken sucht, um ihr trostloses Zuhause zu vergessen. Oder der gescheiterte Erbe einer Bankerdynastie auf dem schlingernden Weg in den Abgrund. Lauren Groffs Geschichten sind präzise Milieustudien, scheinbar locker hingetupft, die durch Details eine unheimliche Sogwirkung entwickeln. Oft werden sie aus der Perspektive von jungen Protagonistinnen erzählt, die früh Verantwortung übernehmen in fragilen Familiensystemen. Träume von Aufbruch und Aufstieg Die 17-jährige Joanie bringt nach dem Tod der Mutter ihren kognitiv beeinträchtigten Bruder Buddy in das Pflegeheim „Sunland“ und man ahnt, dass Buddys Zukunft kaum so sonnig sein wird, wie der euphemistische Name suggeriert. Lauren Groff lässt uns die Busreise der Geschwister im Jahr 1957 aus der Perspektive der allwissenden Erzählerin miterleben. Ich will zu Mama, sagte Buddy und fing an zu weinen. Ach Buddy, nicht, sagte sie. Nicht jetzt. (…) Als wär’s nicht schon schwer genug. (…) Im Bus war es glühend heiß, (…) Die Koffer nahmen sie auf den Schoß, denn Leuten, die mit dem Bus fahren, kann man nicht trauen, flüsterte sie.

    Quelle: Lauren Groff – Raufbold

    „Jeder, dem man trauen kann, hat ein eigenes Auto und würde im Leben nicht mit dem Bus fahren. Eines Tages, sagte sie träumerisch, würde sie sich selbst ein großes dickes Auto kaufen, perlweiß und mit so weichen Ledersitzen, dass man sich vorkommen würde, als wäre man in einem kühlen weißen Bett unterwegs“, schreibt die Autorin. Es ist diese Mischung aus Verlorenheit und stiller Entschiedenheit, mit der viele Protagonistinnen in Groffs Geschichten aufbrechen zu neuen Zielen. Die starken sozialen Unterschiede in den USA werden in diesem Band immer wieder thematisiert. Im überhitzten Bus reisen die ärmeren, übermüdeten Fahrgäste durch das tropische Florida. Joanie, Tochter einer alleinerziehenden Mutter, bricht nicht nur geografisch in eine Gegenwelt auf: Sie will sich mit ihrem Collegestipendium im kühlen Maine den finanziellen Aufstieg sichern, den das weiße Traumauto symbolisiert. Überlebensstrategien Groffs Protagonistinnen sind keine hilflosen Opfer der Verhältnisse. Joanie verlässt ihren Bruder, Freundinnen verraten einander und kleine Mädchen räumen Rivalen rücksichtslos zur Seite. Als Leserin hält man neugierige Distanz zu diesen Hauptfiguren, die nicht zur Identifikation einladen. Groff findet beeindruckende Landschaftsbilder für die Schauplätze ihrer Geschichten. Über den kalifornischen Hügeln liegen „gestärkte Laken aus Nebel“ und Kirschbäume sind so „üppig berüscht, dass es einem das Herz brach.“ Die mit über siebzig Seiten längste Geschichte „What's the time, Mr. Wolf?“ über den Bankierserben Chip kann man als deutliche Kritik an einem Gesellschaftssystem lesen, in dem Geld alle Wege ebnet, aber letztlich kein gelingendes Leben garantiert. Bei den Zulassungstests fürs Studium war er verkatert (…)

    Quelle: Lauren Groff – Raufbold

    „Chip wurde trotz mittelmäßiger (…) Noten angenommen, während das Mädchen, das (…) in drei verschiedenen Sportarten Mannschaftskapitänin war und glänzende Testergebnisse hatte, abgelehnt wurde, und als sie erfuhr, dass sie auch über die Warteliste keinen Platz bekommen würde, bekam sie (…) einen Weinkrampf.“ Privilegien sind ein wucherndes Unkraut „Früher dachte ich immer, Privilegien seien Gift“, schreibt Lauren Groff in ihren Anmerkungen zu dieser Geschichte. „Je länger ich lebe, desto klarer wird mir, dass sie eigentlich wucherndes Unkraut sind.“ Kleine Risse öffnen sich in diesen sorgfältig komponierten Short Storys unvermutet zu Kratern, die Hoffnungen und Pläne unbarmherzig verschlingen. Wann und wie genau das geschieht, macht die Spannung in diesen Geschichten aus, die inhaltlich und sprachlich zum Besten zählen, was die aktuelle US-Literatur zu bieten hat. Dem klassischen Genre der Short Story setzt Lauren Groff mit diesen Geschichten neue Glanzlichter auf.
  7. Sebastian Fitzek: Das ist das Geheimnis seines Erfolgs

    7 min

    Erfolgreicher Karrierestart Sebastian Fitzeks Schreibkarriere begann nicht mit einem Senkrechtstart, sondern mit einem Irrtum: Sein erster Thriller spielte ursprünglich an der Ostküste der USA. Dann gab ihm …

    Notes de l’épisode
    Erfolgreicher Karrierestart Sebastian Fitzeks Schreibkarriere begann nicht mit einem Senkrechtstart, sondern mit einem Irrtum: Sein erster Thriller spielte ursprünglich an der Ostküste der USA. Dann gab ihm sein Literaturagent den Tipp, für seine Bücher einen Schauplatz zu suchen, an dem er sich auskennt – deshalb spielen alle Thriller von Sebastian Fitzek in Westberlin. „Der Nachtzug“ beginnt in einer Villa in Lichterfelde. Hier lebt der Staranwalt Adrian Corvin mit Frau und Kind – bis sich auf den ersten Seiten alles ändert und er Berlin erst einmal verlassen muss. Die eigentliche Handlung spielt zwischen Prag und Berlin, und zwar im luxuriösen Royal Rail Express: „Es war 23:15 Uhr. Zwanzig Minuten vor Abfahrt des Nachtzugs, für den er ein Ticket auf seinem Telefon hatte. Abgeschickt von dem ersten Menschen auf der Welt, dem er den Tod wünschte." Falsche Fährten Abgeschickt von der Person, die seine Frau erstochen und den fünfjährigen Emil entführt hat. Um seinen Sohn zu retten, muss Adrian eine „Schnitzeljagd des Todes“ bestehen, wie er es nennt. Die Kapitel sind kurz, und sie enden so, dass man gar nicht anders kann, als weiter zu lesen: „Er verließ die Suite und eilte einen Waggon weiter zu Abteil Nummer 312. Zuerst schnellen Schrittes, die letzten Meter rannte er fast. Als er die Tür öffnete, war er innerlich darauf vorbereitet, heute seine zweite Leiche zu sehen. Doch es kam schlimmer" Man hangelt sich von Cliffhanger zu Cliffhanger, folgt falschen Fährten, verliert zwischendurch auch mal den Überblick. Fragt man Sebastian Fitzek, was ihm beim Schreiben wichtig sei, dann ist es überraschenderweise nicht in erster Linie der Plot. Ein guter Thriller besteht für ihn aus zwei Reisen: Die äußere Reise, in diesem Fall die Nachtfahrt von Prag nach Berlin, mag zwar für Aufregung sorgen... „... aber das ist nicht der Grund, weswegen man mit auf die Reise geht. Das ist die innere Entwicklung," meint Sebastian Fitzek. „Also wie entwickeln sich durch die ganzen Probleme und durch den großen überlagernden Konflikt, wie verändern sich die Figuren auf der Reise?" Ein moralischer Überbau Diesen Anspruch allerdings vermögen seine Thriller kaum einzulösen. Nehmen wir Adrian Corvin aus „Der Nachtzug“. Er ist ein Mann von Prinzipien. So lässt er es sich nicht nehmen, seine Gegnerin, die ihn die ganze Zugfahrt quälen wird, juristisch zu belehren: Er erklärt ihr, dass das Recht der Allgemeinheit über dem Recht des Einzelnen steht, philosophiert über die Todesstrafe und so weiter. Dass er in dieser Nacht seine Prinzipien über den Haufen werfen wird, macht ihn nicht interessanter, denn der moralische Überbau wirkt ebenso aufgesetzt wie seine inneren Nöte – Stichwort Kindheitstrauma, Gedächtnisstörungen. Von den Nebenfiguren gar nicht zu reden: der seltsam gutmütige Polizist, der so gern Kreuzworträtsel löst, die Mörderin, deren Befehle Adrian befolgen muss oder die Bediensteten, die wohl nicht ahnen, was in diesem Nachtzug eigentlich vorgeht. Sie alle gehorchen nicht ihrem Innenleben, sondern dem Plot. Eine echte innere Entwicklung würden den Plot nur behindern, der von einem Twist zum nächsten jagt. Sebastian Fitzek legt es darauf an, dass man beim Lesen mitraten kann „Ich verteile immer Schlüssel am Anfang in der Geschichte und seltsamerweise passen viele dann davon in das große Schloss am Ende, was ich aber manchmal gar nicht so vor Augen hatte. Wo ich denke, ja, ist ja klar. Und dann, ach, da passt doch genau die Szene dazu, die du am Anfang beschrieben hast. Ja, das erklärt sogar das Verhalten sogar." An der Grenze zur Plausibilität Im Unterschied zu den Figuren ist die Handlung von aufwändiger Komplexität. Zu Fitzeks Stilmitteln gehören Perspektivwechsel und Zeitsprünge – selbstverständlich leserfreundlich aufbereitet:
    • Drei Tage später
    • Berlin, 35 Jahre zuvor
    • Gegenwart, Benjamin-Franklin-Krankenhaus
    So die Regieanweisungen am Anfang der Kapitel. Die Geschichte und ihre Auflösung fordern einem einiges an Goodwill ab, denn Sebastian Fitzek operiert hart an der Grenze der Plausibilität, auch das gehört zu seinen Markenzeichen: Das Ausreizen von psychischen Ausnahmezuständen, oft bis ins Groteske. Dass man beim Lesen trotzdem dranbleibt, liegt an der Suggestivkraft des Texts. Auch dafür setzt Sebastian Fitzek bestimmte Stilmittel ein. So lässt er uns immer wieder ins Innere einer Figur schauen. Die betreffenden Passagen sind sicherheitshalber kursiv gesetzt. Ein Beispiel aus „Der Nachtzug“: Als Adrian im Speisewagen dem Polizisten begegnet, wundert er sich über dessen Kreuzworträtselheft: „Der Beamte schien Adrians Irritation wahrgenommen zu haben, denn er sagte: »Hab ich immer dabei. Hält mich vom Handy ab und geistig fit. Ich nutze jede freie Minute fürs Knobeln!«
    Er nahm einen weiteren Bissen vom Muffin, dessen kläglicher Rest jetzt wie ein zerklüfteter Felsen aussah.
    Oder wie eine aufgerissene Fleischwunde …" ... denkt Adrian in kursiv, und man schaudert, wie vom Autor gewünscht. Die Thriller sind flüssig geschrieben, trotzdem stolpert man über manche Formulierungen. „Adrian sah über sich zur Tunneldecke, an der sich Leitungen und Kabel entlangzogen wie ein nicht enden wollender Strom düsterer Überlegungen" oder „Irgendwo in den Katakomben seines Gedächtnisgefängnisses schien eine Erinnerung sanft von innen gegen die Kerkertür zu klopfen." Eskapismus ist kein Schimpfwort Sebastian Fitzek versteht sich als Unterhaltungsschriftsteller, trotzdem gibt es in den meisten seiner Thriller auch eine politische Dimension. Diese jedoch dient nur als Garnitur: Die Spannung ist die Message. Eskapismus ist für Sebastian Fitzek kein Schimpfwort, im Gegenteil: Mit dem manchmal grausig inszenierten Horror will er uns einen Urlaub verschaffen von den kleinen und großen Ängsten des Alltags. Dass ihm dies gelingt, ist vielleicht das Geheimnis seines Erfolgs: „Dann wählen wir ein Buch, das uns aus der Realität rausreißt, in dem die Welt durchgeschüttelt wird wie so eine Schneekugel, aber am Ende setzt sich doch wieder alles zu einem halbwegs erträglichen Bild zusammen", vermutet Fitzek. Auch „Der Nachtzug“, dies sei verraten, hat ein Ende, mit dem wir alle gut leben können.
  8. Ein gelungener Roman über das Putzen! „Saubere Häuser“ von María Agúndez

    4 min

    Sol ist eine junge Frau in der spanischen Metropole Madrid. Beruflich hat sie wenig Ehrgeiz, die Wohnung teilt sie mit ihrem Freund, der von morgens bis spätabends arbeitet. Als Sol ihren Job als Assistentin …

    Notes de l’épisode
    Sol ist eine junge Frau in der spanischen Metropole Madrid. Beruflich hat sie wenig Ehrgeiz, die Wohnung teilt sie mit ihrem Freund, der von morgens bis spätabends arbeitet. Als Sol ihren Job als Assistentin eines Künstlers verliert, übernimmt sie den Hausputz. Heute verbringe ich den Tag mit Putzen. Dienstags ist der Großputz dran. (…) Wenn ich gerade nicht putze, denke ich ans Putzen.

    Quelle: María Agúndez – Saubere Häuser

    Sol – die putzbesessene Romanfigur Für Sol, die Ich-Erzählerin des Romans Saubere Häuser, ist Putzen mehr als eine lästige Pflicht – es ist eine Obsession. Sie liebt es, wenn die Küche glänzt, das Bad in makelloser Frische erstrahlt und nirgendwo ein Staubkörnchen zu sehen ist. Eigentlich hat Sol gar nichts dagegen, zu putzen – sie tut es sogar gern. Doch sie weiß, dass das auf ihr Umfeld nicht gerade emanzipiert wirkt, und schämt sich vor der feministischen Nachbarin. Und auch vor ihrem Freund. Dem wiederum ist es irgendwie peinlich, dass nur seine Partnerin für die Wohnungsreinigung zuständig ist – was ihn aber nicht dazu bringt, selbst mal den Staubwedel zu schwingen. Dann wird Sol schwanger und das Paar engagiert eine Putzhilfe, die aus Lateinamerika stammt und ihre Schwester mitbringt. Die Protagonistin hat ambivalente Gefühle, die hier zur Schau kommen: „Jacqueline hat zu mir gesagt, dass sie mit Diana zusammen die ganze Wohnung in anderthalb Stunden putzen kann, aber weil sie die ganze Zeit quatschen, brauchen sie immer länger, und dann frage ich mich: ...“ Muss ich ihnen jetzt mehr bezahlen? Sie brauchen nicht länger, weil es viel Arbeit ist, sondern weil sie die ganze Zeit quasseln. Oder bezahle ich sie wie vereinbart für die anderthalb Stunden?

    Quelle: María Agúndez – Saubere Häuser

    „Ich schäme mich wieder schrecklich und fürchte, dass die Nachbarn von gegenüber nicht mehr und nicht weniger als zwei lateinamerikanische Frauen sehen, die mir die Wohnzimmerfenster putzen, das Sofa verschieben, die Teppiche zurückschlagen und auf eine Leiter klettern, um oben auf dem Kühlschrank Staub zu wischen“, gibt Sol zu. Putzen oder putzen lassen? Egal, ob sie selber putzt oder putzen lässt – die Romanprotagonistin Sol hat immer ein schlechtes Gewissen. Das Verhältnis zu ihren Reinigungskräften ist ambivalent: Sie braucht sie und ist zugleich genervt, wenn sie in ihre Privatsphäre eindringen. Ständig schwankt Sol zwischen dem Bemühen, ihre Putzhilfen fair und freundlich zu behandeln, und der Sorge, diese könnten schlecht arbeiten, plötzlich kündigen oder gar klauen. Ironisch und unverblümt schreibt María Agúndez über ein Thema, das viele moderne Großstadtmenschen betrifft, über das aber nur wenig – und wenn, dann oft verschämt – gesprochen wird: Mache ich meinen Schmutz selbst weg oder überlasse ich das anderen? Und: Wer sind diese anderen und wie ist mein Verhältnis zu ihnen? Ein Roman über Klassismus, Rassismus und Heuchelei In Agúndez Heimat Spanien ist es verbreitet, Haushaltshilfen zu beschäftigen – oft sind es Latinas. Sol, die Romanfigur aus der Mittelschicht, ist kein Gutmensch, aber vermittelt dennoch einen eher empathischen Blick auf die Immigrantinnen und ihr prekäres Arbeitsleben. Dagegen kommen Sols Bekannte und Verwandte in dem Roman nicht gut weg. Die Oma etwa tyrannisiert eine Hausangestellte nach der anderen – auch die junge Jessica aus Honduras, die deswegen immer wieder Herzrasen bekommt, schließlich flüchtet und zu Sol sagt: „Es tut mir so leid um Ihre Großmutter, aber sie hasst mich, ich kann da nicht mehr leben.“ „Ich weiß“ , antworte ich, und die Scham frisst sich dabei durch meine Rippen. Sie diese Worte aussprechen zu hören, ist möglicherweise das Traurigste, was ich je erlebt habe.

    Quelle: María Agúndez – Saubere Häuser

    „Saubere Häuser“ handelt von Klassismus und Rassismus, Heuchelei und auch von Männern, die sich fortschrittlich geben, denen ihre Partnerinnen aber jedes Zugeständnis im Haushalt und bei der Kinderbetreuung abringen müssen. María Agúndez ist es gelungen, einen Roman übers Putzen zu schreiben, der nachdenklich macht und mit seinem spöttisch-humorvollen Ton bis zum Ende unterhaltsam ist – auch wegen der überraschenden Wendung, die Sols Leben nimmt – und die natürlich mit Putzen zu tun hat.
  9. Bedrohtes Paradies: Wie die Welt der Vögel schwindet | Buchkritik

    3 min

    Robert Macfarlane gelingt es, uns immer wieder zu überraschen: So viele erstaunliche und verblüffende Geschichten weiß er aus dem Leben der Vögel zu berichten. Dabei sind seine Beispiele eigentlich eher ein …

    Notes de l’épisode
    Robert Macfarlane gelingt es, uns immer wieder zu überraschen: So viele erstaunliche und verblüffende Geschichten weiß er aus dem Leben der Vögel zu berichten. Dabei sind seine Beispiele eigentlich eher ein Anlass zur Trauer, denn die Vogelwelt ist dabei, zu verschwinden, auch in England, auf das sich das Buch konzentriert. In Großbritannien sind es sind es dreiundsiebzig Millionen weniger, weltweit sind mehr die Hälfte aller Vogelarten bedroht. Was einmal „gewöhnlich“ hieß, wird zunehmend selten.

    Quelle: Robert Macfarlane, Jackie Morris (Illustration) – Das Buch der Vögel

    Die schwindende Vogelwelt Macfarlane fragt im Vorwort, was uns mit den Vögeln verloren geht und meint: vor allem ihre Schönheit. Doch nicht nur sie, es gehe um viel mehr: Vögel sind unsere Ortsgestalter, Gedächtnisträger, Uhren und Kalender. Sie fügen die Teile der Welt zusammen: Erde zu Himmel, Fluss zu Wald, Berg zu Meer, Land zu Land, Hemisphäre zu Hemisphäre. Ohne sie beginnt alles auseinanderzufallen.

    Quelle: Robert Macfarlane, Jackie Morris (Illustration) – Das Buch der Vögel

    An 56 Vogelarten zeigt der Autor, welche extremen Schwierigkeiten sie meistern müssen, um zu überleben. Die Natur, die sie brauchen, schwindet rasant. Sie brauchen Nahrung, das heißt Gräsersamen, Früchte wie Vogelbeeren, aber auch Schnecken und Lurche sowie alle möglichen Sorten von Insekten, von Läusen bis zu Libellen. Raubvögel wie Sperber, Turmfalken oder Seeadler schlagen Mäuse, Ratten und sogar junge Kaninchen. Käuze und Uhus jagen nur nachts. Doch auch sie sind rar geworden, weil ihr Lebensraum wie naturbelassener Wald deutlich kleiner geworden ist. Die Waldwirtschaft lässt alte Bäume selten stehen, doch genau diese morschen Stämme sind für einige Arten wie den Waldkauz überlebenswichtig. In ihnen verbergen sich seine Nisthöhlen, gut getarnt. Bedrohte Nahrungsquellen Die Nahrungsquellen der Vögel sind in der industrialisierten Agrarlandschaft massiv bedroht. Pestizide wie Pilz- und Insektengifte und Unkrautvernichter zerstören die Pflanzen, die zur ihrer eigenen Fortpflanzung Samen produzieren. Sie sind oft auf bestimmte Vögel angewiesen, um sich fortpflanzen zu können. Die Vögel fressen sie und scheiden sie dann wieder aus. So kommt es zu einer natürlichen Symbiose. Verschwindet diese Vogelart oder diese Pflanze, ist das das Ende von beiden. Wir Menschen bekommen das normalerweise nicht mit. Der Autor richtet unseren Blick gezielt auf diese Zusammenhänge, denn sein Buch enthält für jede Vogelart mindestens drei farbige Bilder, gestaltet von der Illustratorin Jackie Morris: Je ein Bild für jedes Entwicklungsalter, denn viele Arten wechseln ihr Gefieder, ihr Federkleid mit Alter und Jahreszeit. Sie passen sich überhaupt an ihre Umgebung an wie der Autor an mehreren Beispielen zeigt, darunter das Schneehuhn. Sein weißes Gefieder ist wie eine Tarnung: Es fällt im Schnee nicht auf. Unbekannte Begriffe Macfarlanes Sprache ist leider etwas gewöhnungsbedürftig: Seine Beschreibungen strotzen vor Begriffen, die in keinem Wörterbuch zu finden sind. Erfundene Wörter, die die Übersetzerin Daniela Seel aus dem Englischen übernommen hat. Die deutsche Sprache kennt sie jedenfalls nicht. Dennoch ist Robert Macfarlanes Buch eine Schatzkammer unbekannten Wissens und all jenen ans Herz zu legen, die sich für die faszinierende, leider schwindende Vogelwelt interessieren.
  10. Das Kind, das er nicht haben konnte: Ulf Erdmann Zieglers „Mann ohne Kind“

    4 min

    Ein Liebender wird verlassen, leckt seine Wunden und erinnert sich an das vergangene Glück: Das ist eine bekannte Erzählsituation. Im Fall von Ulf Erdmann Zieglers „Mann ohne Kind“ ist jedoch einiges …

    Notes de l’épisode
    Ein Liebender wird verlassen, leckt seine Wunden und erinnert sich an das vergangene Glück: Das ist eine bekannte Erzählsituation. Im Fall von Ulf Erdmann Zieglers „Mann ohne Kind“ ist jedoch einiges ungewöhnlich, nicht zuletzt der Altersunterschied: Ole, der Erzähler, ist 57, das Objekt seiner Liebe dagegen eine Siebzehnjährige namens Miki. Steht Zieglers Roman also in der Tradition von Vladimir Nabokovs Skandalroman „Lolita“? Durchaus nicht, behauptet der – übrigens glücklich verheiratete – Erzähler. Schließlich sieht er sich gegenüber Miki, die ihren leiblichen Vater vor Jahren verloren hat, in der Rolle eines Ersatzvaters. Das aus Japan stammende Mädchen ist für ihn, wie er unermüdlich betont, ein „Kind“ – das Kind, das er selbst im Leben nicht haben konnte. So erklärt er es sich und dem Leser, so erklärt er es aber auch seiner Frau Dolly. „Ich esse mit Dolly zu Abend, unser Ritual, und ich verwickle sie in meine Ambivalenzen, die auf Hochtouren laufen“, heißt es im Roman. „Ja, was ist denn mit ihr“, fragt sie, „worum geht es denn eigentlich?“ Ich rufe: „Ich liebe dieses Kind!“ Dolly: „Du liebst sie?“, und ich spreche jetzt leiser und sage: „Ja, ich liebe sie. Als Kind.“ Kein Zurück mehr, es ist gesagt.

    Quelle: Ulf Erdmann Ziegler – Mann ohne Kind

    Ein unzuverlässiger Erzähler und viele Verdachtsmomente Kann das gutgehen? Oder macht der Erzähler sich – und den Lesern – nur etwas vor? So viel kann man verraten: Wie jede Liebe hat auch diese viel mit Illusionen und Projektionen zu tun. Und auch in diesem Fall gilt die Regel: So glücklich die Anfangszeit, so leidvoll das Ende. Kennen lernen sich die beiden an einem Wissenschaftskolleg in Berlin: Dort forschen Oles Frau, eine Germanistin, und Mikis Mutter Haruko als Fellows. Ole selbst, ein Kunstexperte, hat viel Zeit für sich. Mit der orientierungslosen Heranwachsenden freundet er sich zielstrebig an: Er gibt ihr Sprachunterricht, hilft ihr bei ihren Schulproblemen. Und braust mit ihr auf dem Motorroller durchs Berliner Umland. Verdächtig ist natürlich, wie sehr er dabei die Unbefangenheit feiert, mit der Miki als sein Sozius die Arme um ihn legt. Noch irritierender ist sein Wunsch, mit ihr an einen FKK-Strand am Wannsee zu gehen. Dazu kommt es zwar nicht, dennoch erscheint selbst dem Protagonisten dieser Gedanke im Nachhinein als erklärungsbedürftig: „Wenn ich zu mir ehrlich war, dann hatte ich Miki längst in jene Utopie einbezogen, die deutsche Freikörperkultur, dass man sich „einfach“ entkleidet und gemeinsam, definitiv sich nicht beglotzend, zum Meer geht“, gesteht der Erzähler. Eine Art Freundschaftssiegel, dass man das kann, sich nicht schämt und sich in der Konsequenz nicht begehrt: die Gewissheit, dass die Sehnsucht, in der Natur aufzugehen, stärker ist als die Natur in uns.

    Quelle: Ulf Erdmann Ziegler – Mann ohne Kind

    Wer ist hier wirklich das Kind? In Wahrheit zeigt sich immer wieder, wie sehr sich dieser Erzähler mit seiner Freundschaftsutopie in die Tasche lügt, wie obsessiv und besitzergreifend seine Beziehung zu Miki ist: Etwa, wenn er stolz schreibt, er habe Miki erfolgreich „isoliert“ und wolle sie ganz für sich haben. Oder wenn er sie später bei seinem Besuch in Tokio dazu bringt, das vereiste, gesperrte Dach eines Museums zu betreten. Umso aufschlussreicher, dass Miki hinterher wütend auf ihn ist: Offensichtlich ist nicht sie das Kind in dieser Konstellation. Wie Ulf Erdmann Ziegler seinen unzuverlässigen Erzähler sich um Kopf und Kragen erinnern lässt, ist durchaus gekonnt. Dennoch verspürt man an fast jeder Stelle dieser seltsamen Beziehung eine Art Dauerunbehagen bei der Lektüre. Zumal die Schreibmotivation des Autors bis zuletzt im Dunkeln bleibt. Am plausibelsten scheint die Annahme, hier solle der schmale Grat zwischen berechtigter Fürsorge und unangemessenem Paternalismus ausgelotet werden. Was ein ehrenwertes Vorhaben wäre. Fragt sich nur, ob dafür ein weniger problematischer Erzähler nicht besser gewesen wäre.
  11. New York mal anders: „Im Land der begrenzten Möglichkeiten“ von Oliver Weiss

    4 min

    Wenn ich es in New York schaffe, dann schaffe ich es überall. Der Refrain dieser bekannten Hymne auf „die Stadt, die niemals schläft“, mag dem Autor Oliver Weiss durch den Kopf gegangen sein, als er 1995 in New …

    Notes de l’épisode
    Wenn ich es in New York schaffe, dann schaffe ich es überall. Der Refrain dieser bekannten Hymne auf „die Stadt, die niemals schläft“, mag dem Autor Oliver Weiss durch den Kopf gegangen sein, als er 1995 in New York ankommt. Der junge Illustrator aus Berlin will es wissen: Schafft er es, im „Big Apple“ genügend Aufträge zu akquirieren, um dort seinen Lebensunterhalt zu bestreiten? Seit Oliver Weiss 1981 als Schüler mit seiner Familie ein Jahr in Kalifornien lebte, war der junge Deutsche mit dem Amerikavirus infiziert: „Mein Leben war auf den Kopf gestellt worden. Darüber, dass die USA das bessere Land waren, bestand kein Zweifel. Lange Zeit thronte die Flagge nach unserer Heimkehr über meinem Bett. Die Voice of America wurde mein geistiges Zuhause. Ich musste zurück nach Amerika. Koste es, was es wolle.“ New York als Verheißung Als Wohnort kommt für den ambitionierten Illustrator Mitte der 1990er Jahre nur New York in Frage, der Sitz vieler Zeitungsredaktionen und Verlage. In sechs Kapiteln nimmt Oliver Weiss die Leser mit auf seine Reise durch Untermietzimmer in Harlem, Queens und Brooklyn. Die Flut von Absagen, die er sich zunächst beruflich einfängt, bringt ihn nicht ab von seinem Amerika-Traum: Der aufstrebende Künstler möchte mit Green Card unter einer New Yorker Adresse leben – am liebsten im bekannten Künstlerviertel Greenwich Village. Dass er hier die Miete nicht zahlen kann, merkt er schnell. Als Weiss endlich die ersehnte Green Card erhält, haben sich schon erste Zweifel an seinen New Yorker Zukunftsträumen eingeschlichen. Matt gelaufener Glanz Wegen der astronomisch hohen Lebenshaltungskosten in der lauten, hektischen Stadt kann er sich nur verwohnte, schmuddelige Mini-Apartments leisten, in denen ihn der Straßenlärm oder die Dauerpartys der Nachbarn nerven. Überhitzte Heizungen, ratternde Klimaanlagen und skurrile, profitgierige Vermieter, denen er sich hilflos ausgeliefert fühlt, deuten schon früh an, dass hier ein lang gehegter Lebenstraum zu scheitern droht. „Man erliegt dem Locken eines Abenteuers, das man vor Jahren plante, als man noch Teenager war, und dessen Glanz sich längst matt gelaufen hat, ohne dass man es merkte. Immer genau zu wissen, was man will, ist eine amerikanische Tugend und zählt nicht unbedingt zu meinen Stärken.“ Kritische Selbstanalysen wie diese hätte man sich öfter gewünscht. Leider karikiert und überzeichnet Oliver Weiss stattdessen viele Alltagsszenen, was zwar einen gewissen Unterhaltungswert hat, sich aber als Stilmittel auf Dauer abnutzt. Entzauberung eines Sehnsuchtsorts Mit jedem Monat in New York sehnt sich der Autor stärker nach Berlin zurück. Künstlerisch ist in den New Yorker Redaktionen Spezialisierung mit Wiedererkennungswert gefragt, aber eine Zukunft als „stumpfsinnig programmierter Zeichenroboter“ findet der Autor abschreckend. Es gibt eben nicht viele Ausnahmetalente wie etwa Charles M. Schulz, der als Erfinder der Peanuts-Comics reich wurde. „I love your work“, ist die unverbindliche Leerformel, mit der desinteressierte New Yorker Art Direktoren sich selbst und dem Autor eine klare Absage ersparen. Man kann die oberflächliche Freundlichkeit entweder als hilfreiches Schmiermittel in einer durch harte soziale Gegensätze geprägten Stadt empfinden oder als schlichte Lüge. Eine Trennung auf Amerikanisch Es dauert, bis Oliver Weiss sich von seinem Lebenstraum und seiner New Yorker Freundin verabschiedet. Eine Trennung auf Amerikanisch, wenn man so will: Beim Abschied umarmen wir uns wie früher. ‚So nice to see you again!‘, heucheln wir beide, bevor ich mich losreiße und in den dampfenden Schacht der Subway eintauche. Wir sahen uns nie wieder.

    Quelle: Oliver Weiss – Im Land der begrenzten Möglichkeiten

    Die flott formulierten Alltagsgeschichten, die sich zum Abschied vom Sehnsuchtsort New York verdichten, hat der Autor aus der Retrospektive mehrerer Jahrzehnte geschrieben. Sie fügen sich gut ein in die aktuelle Stimmungslage, in der es um transatlantische Enttäuschungen und den Abschied von falschen Amerikabildern geht. Die Frage, welche Rolle hierbei die eigenen Selbsttäuschungen spielen, regt dieses Buch auf humorvolle Weise an.
  12. Neues Label für menschengemachte Kinderbücher

    10 min

    Schnell gemacht: ein Buch pro Stunde Woran Autorin und Illustratorin oft ein ganzes Jahr sitzen, hat KI in nur einer Stunde erstellt: ein Kinderbuch. Es braucht nicht mehr als einen Prompt zu Story und …

    Notes de l’épisode
    Schnell gemacht: ein Buch pro Stunde Woran Autorin und Illustratorin oft ein ganzes Jahr sitzen, hat KI in nur einer Stunde erstellt: ein Kinderbuch. Es braucht nicht mehr als einen Prompt zu Story und bildlicher Gestaltung, schon wirft die KI das ganze Produkt aus. Das gelingt ihr, weil die großen Tech-Konzerne sie längst mit Millionen vorhandener Bücher trainiert hat. Zumeist wurden diese Bücher ohne Zustimmung der verantwortlichen Autoren oder Verlage eingescannt, also illegal. 18 Verlage stellen ein neues Label vor Es sind Einzelpersonen oder kleine Teams, die die Kinder- und Jugendbücher mit Hilfe von KI erstellen. Als Büro reicht der heimische Küchentisch. Gedruckt wird als Print-on-Demand. Die im Selfpublishing produzierten Bücher findet man vor allem bei Amazon, wo mittlerweile mehr Bücher aus Selfpublishing-Produktion als von Verlagen eingestellt werden. Deswegen haben 18 deutsche Kinder- und Jugendbuchverlage nun ein Label für ihre menschengemachten Bücher entwickelt: „Von Menschen geschrieben – gestaltet – geprüft“. Dieses Label wurde auf der Frankfurter Buchmesse 2026 vorgestellt. Verantwortung für kleine Menschen Maria A. Kafitz ist eine der beteiligten Verlegerinnen. Sie leitet den Stuttgarter Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus. Im Gespräch mit SWR Kultur sagt sie: „Es geht uns nicht darum, KI zu verteufeln, sondern darum, die menschliche Intelligenz und Kreativität zu stärken.“ Das Label wurde entwickelt, „um unseren kreativen Kolleg*innen – den Autor*innen, den Übersetzer*innen, den Illustrator*innen, den Designer*innen – Respekt zu zollen für das, was sie tun“. Zugleich soll das Label natürlich auch Hilfestellung für Eltern sein, die KI-generierte von menschengemachten Büchern nicht mehr unterscheiden können. Dabei geht es den Verlagen aber nicht nur um die eigenen Einkünfte. „Wir sind ja auch verantwortlich für die Menschen, für die wir die Bücher machen“, unterstreicht Kafitz. „Nämlich für die kleinen Menschen, die mit Lust am Lesen aufwachsen sollen, um selbstbewusste Bürgerinnen und Bürger zu werden, die sich ein Urteil bilden können.“ Bewusstes Einkaufen Verlage, Buchhandlungen, Schulen und Eltern müssen ab sofort noch mehr Verantwortung für Kinder übernehmen: Welches Buch kaufe ich? Welches Buch biete ich einem Kind an – und welches nicht? Wer in Buchhandlungen kauft, ist vor KI-generierten Kinder- und Jugendbücher aktuell noch weitgehend gefeit. „Da Bücher Überlebensmittel sind“, unterstreicht Kafitz, „wird es immer wichtiger, dass wir sehr bewusste Kaufentscheidungen treffen.“
  13. Das misshandelte Baumhaus

    5 min

    „Bullshit“ – in leuchtendem Orange prangt dieses Wort auf dem Kunstwerk der Installationskünstlerin Iona Bartschok. Herto Straus, ein Künstlerkollege hat es auf ihr schwarzes Baumhaus gesprüht. Mit dieser …

    Notes de l’épisode
    „Bullshit“ – in leuchtendem Orange prangt dieses Wort auf dem Kunstwerk der Installationskünstlerin Iona Bartschok. Herto Straus, ein Künstlerkollege hat es auf ihr schwarzes Baumhaus gesprüht. Mit dieser Attacke beginnt Martina Hefter ihren Roman „Nach der Sonne schauen“. Das Baumhaus bedeutet Iona enorm viel. Es ist für sie mit ihrer Kindheit auf einer Alm verbunden, mit einer Zeit großer Freiheit, aber auch mit einem traumatischen Erlebnis, das sie bis heute beschäftigt. Das Baumhaus sei zu privat, zu harmlos und damit künstlerisch uninteressant, urteilt Herto Straus – und sprüht los. „Herto Straus hat im Zusammenhang mit seinem Sprühdosen-Anschlag in ein paar Interviews mit dem MDR, mit der Leipziger Volkszeitung und sogar mit dem Spiegel davon gesprochen, dass es wehtun müsse, ein Kunstwerk zu betrachten. Er habe nicht anders gekonnt, als etwas auf mein Baumhaus zu sprühen, es gehe nicht gegen mich persönlich. Es sei ihm nur um die Kunst gegangen.“ Nachhall eines Buchpreis-Eklats Da denkt man unwillkürlich an den Eklat um den Deutschen Buchpreis 2024, als der Autor Clemens Meyer die Auszeichnung für Martina Hefters Roman „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ als eine „Schande für die Literatur“ bezeichnete. Auch hier prallen zwei Vorstellungen davon aufeinander, was große Kunst sein soll. Im Roman bekommt Iona den Angriff nicht mehr aus dem Kopf. Sie zieht sich in eine ehemalige Industriehalle an einem künstlichen Tagebausee südlich von Leipzig zurück. In dieser vom Braunkohletagebau gezeichneten Landschaft will sie an einer neuen Installation arbeiten. Ihre Vision: ein Modell der Gegend, wie sie in 5000 Jahren aussehen könnte. Doch mit der Arbeit kommt sie kaum voran. Stattdessen erkundet sie die Umgebung, kümmert sich um eine streunende Hündin und um Robyn, einen virtuellen KI-Hund, den ihr der Besitzer der Halle zur Pflege überlassen hat. Die Natur und ihre Bewahrung Robyn lebt auf einem riesigen Bildschirm, und wird lebendiger, je mehr Aufmerksamkeit er bekommt. Robyn konnte nicht bellen. Er konnte auch nicht heulen oder knurren, so weit schien diese App noch nicht gediehen zu sein. Aber er wurde immer blasser und langsamer und schien zu schrumpfen, je weniger man ihn beachtete.

    Quelle: Martina Hefter – Nach der Sonne schauen

    Dass ausgerechnet ein künstlicher Hund auszutrocknen droht, passt zu diesem Roman, in dem sich vieles um die Natur und ihre Bewahrung dreht. Die Landschaft rund um Ionas Industriehalle ist vom Menschen gezeichnet. Der See ist aus einem ehemaligen Braunkohletagebau entstanden, sein Wasser muss regelmäßig mit Kalk entsäuert werden, damit darin überhaupt Leben möglich ist. Die Schönheit des ehemaligen Tagebaus Mit großer Aufmerksamkeit beschreibt Martina Hefter diese Landschaft: das Licht auf dem Wasser, die Bewegungen der Tiere, die Spuren menschlicher Eingriffe. Immer wieder geht es darum, wie verletzlich das Leben ist - und wie widersprüchlich unser Umgang damit. Als Ionas echte Hündin Bella einen Molch mit zwei Schwänzen fängt, schleudert Iona das Tier erschrocken fort, der Molch stirbt. Ausgerechnet Iona, die sich so sehr um Tiere und Natur sorgt, hat ein Lebewesen getötet. Ich stürzte hin, kniete mich neben den Molch, nahm ihn vorsichtig in die Hand, die ganze Zeit sagte ich, wie leid es mir tue, und ich setzte das Tier ins Wasser, wo es eine Weile reglos sitzen blieb.

    Quelle: Martina Hefter – Nach der Sonne schauen

    „Dann stieß es sich vom Untergrund ab und versuchte zu schwimmen, aber es klappte nicht. Der Molch kippte zur Seite und kam nicht voran, kippte wieder, auf die andere Seite, rang nach etwas, nach Luft oder einem Halt, und irgendwann gab er auf.“ Schönheit oder Schmerz – Was muss Kunst leisten? Doch so eindringlich einzelne Szenen sind, so wenig Sog entwickelt der Roman insgesamt. Die Motive sind geschickt verknüpft: Natur und Künstlichkeit, Fürsorge und Zerstörung, Kunst und Verletzlichkeit. Aber das alles wird ständig erklärt und eingeordnet und obwohl die Ich-Erzählerin viel von sich preisgibt, bleibt sie erstaunlich fremd. Es geht um Ängste, Schuldgefühle, Erinnerungen. Aber wirklich nahe kommt man ihr nicht. „Ich habe zwei Baumhäuser gebaut. Ich kann Kühe in den Melkstand treiben, ich kann eine Kreissäge bedienen, ich habe einen Zaun aus Haselruten vor die Alm meiner Eltern geflochten. Und ich habe ein Kalb in meinen Armen aus einem Gewitter getragen. Das sollte eigentlich genügen. Aber es genügt nie und Herto Straus hat trotzdem mein Baumhaus angesprüht.“ Es geht in „Nach der Sonne schauen“ auch um die Frage, was Kunst eigentlich leisten muss. Muss sie aufrütteln und wehtun, oder darf sie auch einfach tröstend und schön sein? Ausgerechnet das Baumhaus, das Herto Straus für zu harmlos hält, erzählt von Ionas Leben, und dazu gehören auch Verlust, Schuld und Gewalt. Der Roman verteidigt die „leise“ Kunst, eine die wirkt, ohne zu brüllen. Nur leider vertraut Martina Hefter ihren eigenen Bildern oft zu wenig. Sie erklärt, wo sie erzählen könnte – und nimmt ihrem Roman damit einiges von seiner Kraft.
  14. Neue Bücher von Juli Zeh, Yang Shuang-zi, Helga Schubert, Martina Hefter und Lutz Seiler

    56 min

    Heute lesen wir Lovestorys. Betty liebt den Praktikanten und Aoyama ihre Dolmetscherin. Helga Schubert liebte ihren verstorbenen Mann. Iona liebt einen Hund und Carl eine Schamanin.

  15. Sie wollen es doch schön haben: „Abschiedssommer“ von Jochen Missfeldt

    4 min

    Autobiographische Literaturprojekte kommen selten an ein Ende – denn das eigene Leben, sobald man sich auch in seine zerklüfteten Schluchten hinabwagt, ist selten auserzählt. Jochen Missfeldt veröffentlichte …

    Notes de l’épisode
    Autobiographische Literaturprojekte kommen selten an ein Ende – denn das eigene Leben, sobald man sich auch in seine zerklüfteten Schluchten hinabwagt, ist selten auserzählt. Jochen Missfeldt veröffentlichte 1989 den Roman „Solsbüll“, der die Geschichte dreier Generationen der Familie Hasse in einem fiktiven Ort zwischen Kiel und Flensburg erzählt. Der jüngste Spross Gustav, der dann in weiteren von Missfeldts Büchern auftauchen sollte, teilt mit dem Autor das Geburtsjahr 1941. Auch im neuen Roman des inzwischen 85-Jährigen begegnen wir seinem Alter Ego wieder. „Bettina, so hieß meine leibliche Mutter, brachte mich 1941 in Hamburg zur Welt. Ich war das einzige Kind. Mein Vater, Grets jüngerer Bruder Gustav Hasse, dessen Namen auch ich trage, fiel im August 1941 in Russland, Bettina starb 1943 bei einem Bombenangriff auf Hamburg“, erzählt Gustav über seine Familie. So kam ich zu meiner Tante Gret nach Solsbüll-Mühle; und hier betreute sie ihren Hebammenbezirk.

    Quelle: Jochen Missfeldt – Abschiedssommer

    Jazz und Rock’n‘Roll Kurz vor einer Operation, der sich der alt gewordene Erzähler unterziehen muss, tauchen die Bilder aus einem vergangenen Sommer auf, ganz lebensecht und zugleich phantasmagorisch. Es ist das Jahr 1959. Für den achtzehnjährigen Gustav ist die Welt vor allem: verlockend und rätselhaft. Verlockend sind der Rock’n’Roll und der Jazz, die er mit seiner Band Die Flamingos spielt. Noch verlockender sind die Mädchen – Lidia, die in einem Waisenhaus aufwächst und eine Episode bleibt; und Johanna, die er schon seit Kindertagen kennt und die ihm so viel bedeutet, dass er vor Eifersucht die Fassung verliert: Das Universum drehte sich langsamer, dann stand der Himmel über Flensburg still.
    „Du spinnst, Gustav. Du bist verrückt.“
    Das war’s, das reichte. Ich holte aus, und da, ich knallte ihr eine.

    Quelle: Jochen Missfeldt – Abschiedssommer

    Die Rätsel der Liebe Die Ohrfeige schallt laut durch den Roman – sie hallt nach, führt weniger zu Gewissens-, mehr zu Rechtfertigungskonflikten. Gustav leidet. Claude, Johannas Mutter, klärt die Sache dann mit jenem Pragmatismus, der Nachkriegsfrauen wahrscheinlich eigen war, zumal, wenn sie eine Flucht hinter sich hatten. Die Rätsel der Liebe, die dem unerfahrenen Gustav zu schaffen machen, dominieren diesen Sommer; aber prägender sind andere Geheimnisse, die nur andeutungsweise in Erscheinung treten: etwa in Form eines Geschirrs, das Gustav anvertraut wird und auf dessen Rückseite noch das Hakenkreuz prangt. Oder in der Geschichte des jüdischen Mädchens Ganka Sonnenstern, der Claude während des Kriegs begegnet und die irgendwann verschwunden war. Die Arbeit an der Normalität Claude wusste im Dezember 1943 natürlich doch etwas von den Transporten und wohin sie führen, sie hatte ja Augen und Ohren im Kopf. Näheres wollte sie aber nicht wissen, weil es dann mit den Gedanken eng und ungemütlich werden würde.

    Quelle: Jochen Missfeldt – Abschiedssommer

    Und erst dem alten Gustav Hasse wird von einem Freund ein anderes Rätsel gelöst, über das er sich als junger Mann nie Gedanken gemacht hatte: Sein ehemaliger Kunstlehrer nämlich war Kriegsmaler gewesen, und überdies der Schwager von Rudolf Höß. Auschwitz hat er öfter besucht und dort die Familie gezeichnet. Nach dem Krieg fand er rasch in ein bürgerliches Leben. Geschickt, aber unspektakulär verknüpft Missfeldt die verschiedenen Bedeutungsfäden seines Romans, seines Helden, seines eigenen Lebens. Manchmal wirkt die Sprache fast betulich, ja, altbacken, viel weniger ambitioniert als etwa in seinem Roman „Steilküste“. Aber dieses behutsame Erzählen, das sich Ausflüge ins Traumhafte, buchstäblich Theatralische und schwerelos Fantastische gestattet, ist Programm: Der „Abschiedssommer“ schildert die mühevolle Arbeit an der unverfänglichen Normalität, die nach der moralischen Bankrotterklärung Deutschlands anbrechen sollte. Dass die Verdrängung nicht immer gelang, auch das verrät sich zuweilen in der Sprache, wenn etwa der neueste Judenwitz angekündigt wird oder von einem „warmen Bruder“ die Rede ist, der im KZ war. Meist aber gilt die Parole, die von Claude ausgegeben wird: „Lass uns nicht ungemütlich werden. Wir wollen es doch schön haben.“
  16. Überleben mit Planwirtschaft? Kohei Saitos „Am Ende des Fortschritts“

    4 min

    Das kennt man sonst nur von Sekten und als Taktik Rechtsextremer: Das penetrante Läuten des Sterbeglöckchens. Hier tut’s ein Marxist. „Die Zukunft heißt Faschismus!“ steht gleich über dem Vorwort. Der Autor …

    Notes de l’épisode
    Das kennt man sonst nur von Sekten und als Taktik Rechtsextremer: Das penetrante Läuten des Sterbeglöckchens. Hier tut’s ein Marxist. „Die Zukunft heißt Faschismus!“ steht gleich über dem Vorwort. Der Autor Kohei Saito präzisiert: „Endzeitfaschismus“. Ich sage es ganz unverblümt: Wir stehen sprichwörtlich am Rande des Abgrunds, der zu unserer Auslöschung führen wird.

    Quelle: Kohei Saito – Am Ende des Fortschritts

    Droht die Apokalypse? Auf die Frage, ob er denn persönlich Angst habe vor dieser von ihm geweissagten Apokalypse, sagt er: ja, schon allein wegen seiner beiden Kinder. Ein Verdienst kommt Saito unbestritten zu: Er nimmt die Polykrise, die uns auf allen Ebenen förmlich einkreist, ins Visier und macht einen Vorschlag, wie ihr zu begegnen sei. Damit die Dringlichkeit auch jedem Leser einleuchtet, geht er vom Schlimmstmöglichen aus: Krieg, Pandemien, Artensterben, Klimakollaps. Chaos, Plünderung, Hunger. Und dann packt er sein Rezept für ein Überleben in der Apokalypse aus. Dieses Rezept ist alt und denkbar unspektakulär: die kommunistische Planwirtschaft soll es retten, manchmal nennt er sie auch sozialistisch und manchmal demokratisch. Auf jeden Fall müsse der Kapitalismus weg, denn der habe den Karren in den Dreck gezogen, meint Kohei Saito. „Viele hier denken vielleicht, dass der Kapitalismus den Menschen erlaubt, frei zu sein und dass er demokratisch sei. Ich glaube, das ist falsch. Denn der Kapitalismus ist nicht kompatibel mit der Demokratie“, meint Saito. „Warum? In diesem System werden zwar viele Dinge produziert. Aber wir, die Konsumenten, werden nicht gefragt, ob wir diese Dinge haben wollen. Reiche Leute monopolisieren diese gigantische Produktionskraft und benutzen sie, um mehr Profit zu machen.“ Schwächelnder Kapitalismus Interessanterweise beklagt ausgerechnet er, wir seien gefangen in einem Dualismus, nämlich der Wahl zwischen entweder Kapitalismus oder Kommunismus. Der Kommunismus stoße im Westen auf kategorische Ablehnung, denn wir hätten nur Klischees im Kopf: Terror, Lager, Versorgungsengpässe. Wobei nicht erkannt werde, dass der aktuelle Kapitalismus zu einem Erpressungssystem geworden sei: Die großen US-Techkonzerne monopolisierten die Marktplätze und zwängen mit ihrer Herrschaft über alle Vorgänge der Digitalisierung selbst klassische Industrien in die Knie. Aber, so tröstet er seine Leser, dies sei ohnehin die letzte Erscheinungsform, die der schwächer werdende Kapitalismus angenommen hätte. Falls aber die Zeit für die sozialistische Planwirtschaft reif sei, dann könne man die Instrumente der Techkonzerne, speziell die Künstliche Intelligenz, für eigene Zwecke nutzen. Man kann zum Beispiel das Verhalten und die Arbeitsabläufe von Arbeitern lückenlos erfassen, durch KI analysieren lassen und so die Effizienz steigern.

    Quelle: Kohei Saito – Am Ende des Fortschritts

    Genau das gefällt den Arbeitern in den Fabriken und Logistikzentren, ob kommunistisch oder kapitalistisch geführt, schon heute nicht. Kein überzeugender Plan B Alles in allem ist es gut, dass ein junger Idealist herkommt und einen Plan B unterbreitet für alle, die nicht reich genug sind, um sich in Sicherheit zu bringen, falls es zu einem Systemkollaps kommen sollte. Aber es ist der falsche Plan B. Saito macht es sich zu leicht, wenn er schreibt, der Kapitalismus sei schuld am Klimawandel, der Kapitalismus hätte in China Fabriken für Billigprodukte hochgezogen und so weiter. Sprachlich bedient er sich dabei aus dem Steinbruch kommunistischer Theorietexte, was die Lektüre meist zu einer Art Strafarbeit macht. Dass in Saitos Buch neben unzähligen männlichen Denkern keine einzige Frau vorkommt, nicht mal eine bekämpfenswerte Kapitalistin, passt denn auch ins Bild. „Kommunismus ist eine Illusion“, sagte Freud. Für den Ernstfall brauchen wir etwas Besseres.
  17. Nehmt euch vor Dichtern in Acht! „Peck & Peck“ von Bonnie Garmus

    4 min

    Schauplatz New York New York, 1982. Ein gefährliches Pflaster. Jederzeit war damit zu rechnen, in der U-Bahn ausgeraubt zu werden. Aber zugleich war Big Apple vor dem Aids-Schock die Stadt, in der alles möglich …

    Notes de l’épisode
    Schauplatz New York New York, 1982. Ein gefährliches Pflaster. Jederzeit war damit zu rechnen, in der U-Bahn ausgeraubt zu werden. Aber zugleich war Big Apple vor dem Aids-Schock die Stadt, in der alles möglich schien. Und in dem New York, das Bonnie Garmus zum Schauplatz ihres neuen Romans macht, ist noch ein bisschen mehr möglich. Zum Beispiel der kometenhafte Aufstieg von der miserabel bezahlten Hilfskraft im Kopierkeller zum Herausgeber der weltweit bedeutendsten Lyrik-Zeitschrift „Peck & Peck“. Dies gelingt Batter Gray, einem Jungen aus der Provinz, ohne Beziehungen, ohne Geld, ohne Gaben außer einer. Ein Dichter, der nicht schreibt – das wird nichts Aber von vorn. Der Ich-Erzähler, geboren wie seine Erfinderin im Jahr 1957, trägt schon an seinem Vornamen schwer. Benannt ist er nach dem verstorbenen Hund seiner Mutter, einem, wie ihre Geschichten besagen, heldenhaften Tier. Hinzu kommt, dass Batter Teil eines Zwillingspaars hätte sein sollen, sein Bruder aber tot zur Welt kam. Damit nicht genug, will er Dichter werden, von Kindesbeinen an. Allerdings schreibt Batter nicht. Aber er hat ein „Ohr“ für Poesie, das absolute Gehör für Gedichte. Und zwar, weil er liest, was die Schulbibliothek hergibt. Folgerichtig, dass er sich für ein entsprechendes Hauptfach am College entscheiden möchte, und logisch, dass daraus nichts wird. „,Lyrik‘?, sagte mein Vater, ‚aber kein Mensch – kein Mensch studiert Lyrik. Da könntest du auch gleich Makramee studieren. So was macht keiner vorsätzlich.‘ ,Batter‘, sagte meine Mutter, ‚sieh es doch mal so. Wenn es morgen keine Gedichte mehr gäbe, wäre das ein Weltuntergang?‘ Ich stellte mir vor, wie der letzte flugunfähige Dodo totgeschlagen wurde.“ Damit ist der Ton gesetzt. Dass Gedichte schon in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts als fundamental abtörnendes Minderheitenthema galten, wie Bonnie Garmus voraussetzt, nimmt man lesend einfach mal hin, schließlich hat sie die Zeit erlebt, und vor allem schreibt sie ja einen Roman für heute. Retro-Verpackung für Gegenwartsbezüge Wie schon in ihrem Erstling „Eine Frage der Chemie“ siedelt Garmus ihre Handlung in zurückliegenden Jahrzehnten an, mit denen sich allerlei Nostalgie verbindet. Nach den zukunftsoptimistischen Fifties sind es nun die Sechziger, Siebziger und Achtziger mit ihren Beat- und Pop- und Camp-befeuerten Aufbrüchen. Und im schmucken Retro-Look dieser Pralinenschachtel verpackt sie eine Menge gut beobachteter Gegenwartsbezüge. So äußert sich der ebenso ignorante wie cholerische Chef des Verlagshauses Peck & Peck, der den dauerklammen Batter Gray als Copy-Boy einstellt, in seinem ganzen Hass auf das eigene Metier bevorzugt in herrischen Sätzen, die im Druck konsequent in Versalien erscheinen, als hätte der derzeitige Präsident der Vereinigten Staaten sie in sein Smartphone getippt. ,Also WARUM‘, sagte er mit vor Zorn anschwellender Stimme, ‚WARUM gehen all diese miesen BLÖDMÄNNER abends von ihren Jobs als Klempner und Koch und Opernsänger nach Hause und beschließen, GEDICHTE zu schreiben?‘

    Quelle: Bonnie Garmus - Peck & Peck

    Im Gegensatz zu ihm lieben die meisten Beschäftigten im Inneren der als überirdisch schön beschriebenen Architektur des Verlagshauses in Manhattan Gedichte. Aber vor kaum etwas haben sie mehr Angst als vor den Dichtern draußen. Legitime Nachfolgerin großer Fabulierkünstler Scheinbare und tatsächliche Paradoxien wie diese durchziehen den Roman, dessen wendungs- und windungsreiche 550-Seiten-Handlung zusammenzufassen sinnlos wäre. Der fantastische Einfallsreichtum der Autorin, ihre Sympathie für die Pechvögel im Reich menschlicher wie tierischer Fauna und ein erzählerischer Atem, der mühelos die Lösungen für 25 Jahre und 300 Seiten zurückliegende Rätsel präsentiert, machen Bonnie Garmus zur legitimen Erbin effektsicherer Fabulierkünstler wie John Irving. Vermutlich wird „Peck & Peck“ nicht in jedem die Lust auf Lyrik wecken. Aber es ist ganz große Unterhaltung.
  18. Friedenspreis für Philippe Sands: Was in seiner Rede wichtig war

    7 min

    Feierliche Stimmung in der Frankfurter Paulskirche „Mit seiner Rede hat Philippe Sands zur feierlichen Stimmung beigetragen,“ beschreibt SWR Kultur Literaturredakteur Christoph Schröder die Atmosphäre in der …

    Notes de l’épisode
    Feierliche Stimmung in der Frankfurter Paulskirche „Mit seiner Rede hat Philippe Sands zur feierlichen Stimmung beigetragen,“ beschreibt SWR Kultur Literaturredakteur Christoph Schröder die Atmosphäre in der Paulskirche. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht 2026 an den Völkerrechtler und Menschenrechtsanwalt Philippe Sands, in Frankfurt wurde dieser heute überreicht. Die Dankesrede Philippe Sands‘ stand unter dem Titel „Der Albatros des Schweigens“. „Unser Schweigen war ein deutsches Schweigen“ Christoph Schröder saß im Publikum. Ihm fiel auf: Das Schweigen spielte eine besondere Rolle in Sands Ansprache. So führte der Preisträger in seiner eigenen Familiengeschichte aus: „Unser Schweigen war ein deutsches Schweigen, geboren aus Schrecknissen, die meinen Großeltern und meiner Mutter widerfuhren. Die Konsequenz war: nichts Deutsches im Haus. Nun ja, nicht ganz: […] Ich habe noch heute eine Schwäche für Schnitzel und Strudel“. Eine Art Comic Relief in einer nachdenklichen Rede, in der Sands seine deutschen Freunde im Publikum begrüßte – unter anderem Niklas Frank, Sohn des NS-Kriegsverbrechers Hans Frank. Literarischer Anspruch und historische Präzision „Das genaue Hinsehen macht ihn aus“, meint Schröder über den Preisträger. Die Laudatio auf den britischen Juristen hielt die Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München, Mirjam Zadoff, auch sie lobt diesen Aspekt seiner Arbeit: „Wir ehren einen Geschichtenerzähler, dessen Bücher hohen literarischen Anspruch mit historischer Präzision verbinden.“ Ein schwaches Ende Tosenden Applaus erntete Philippe Sands für seine Betonung nach der Wichtigkeit, die Ukraine in ihrem Kampf während des russischen Angriffskriegs zu unterstützen. Dort würden die Prinzipien des Völkerrechts, die der Nürnberger Prozesse, verhandelt: „Jetzt ist die Zeit, für sie einzutreten, nicht zu schweigen; Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen, unsere Prinzipien hochzuhalten, auf sie zu bauen. Zeit, um zu widerstehen, nicht um zu verzagen, denn für das Rechtsstaatsprinzip braucht man einen langen Atem.“ Die präzise Argumentation ließe jedoch zum Ende von Sands Rede nach, meint Christoph Schröder. „Zu Israel, zum Gazastreifen und zum Westjordanland ist das deutsche Schweigen bis heute laut“, so Sands. „Mir ist auch bekannt, dass einige deutsche Führungspersönlichkeiten in ihrer Kritik an den Handlungen Israels allmählich schärfere Töne anschlagen. Das ist richtig, auch wenn es noch sehr zögerlich und verhalten geschieht,“ betonte der 65-Jährige. „Da wurde es sehr aktivistisch und der Applaus spärlicher, weil ihm die Präzision verloren gegangen ist,“ findet Christoph Schröder. Trotzdem ist er sicher: „Er ist ein würdiger Preisträger!“ Der Friedenspreis Seit 1950 vergibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Preisträgerinnen und Preisträger waren unter anderem Albert Schweitzer, Astrid Lindgren, Václav Havel, Jürgen Habermas, Susan Sontag, Navid Kermani, Margaret Atwood, Serhij Zhadan, Salman Rushdie, Anne Applebaum und im vergangenen Jahr Karl Schlögel. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.
  19. „Wir müssen auf die nachwachsende Generation sehr setzen und ihr viel zutrauen“

    5 min

    Erwachsene unterschätzen Jugendliche manchmal „Besonders bei Jugendbüchern, wenn die Hauptcharaktere in eine kindliche Situation gebracht werden, dass sie jünger dargestellt sind, als ihr Alter halt …

    Notes de l’épisode
    Erwachsene unterschätzen Jugendliche manchmal „Besonders bei Jugendbüchern, wenn die Hauptcharaktere in eine kindliche Situation gebracht werden, dass sie jünger dargestellt sind, als ihr Alter halt entspricht.“ Die 16-jährige Babett Finta findet: Erwachsene unterschätzen Jugendliche manchmal ganz schön. Sie gehört zur Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises, der auf der Frankfurter Buchmesse sein 70-jähriges Bestehen gefeiert hat. Ausgezeichnet werden Bilderbücher, Kinder-, Jugend- und Sachbücher. Gute Bücher dürfen etwas zumuten Ausgerechnet im Jubiläumsjahr fällt auf: die ausgezeichneten Bücher muten den jungen Leserinnen und Lesern einiges zu – und das zu Recht, findet Iris Kruse, Vorsitzender der Erwachsenenjury: „Ja, es ist jetzt und hier tatsächlich ein sehr politisches Preis Jahr gewesen. ich glaube, wir alle haben es in den Blick bekommen, dass wir auf die nachwachsende Generation sehr setzen müssen und dass wir ihnen viel zutrauen müssen und auch können.“ In Maja Nielsens „Das falsche Leben“, Siegertitel der Kategorie Jugendbuch, erfährt ein Junge, dass sein Vater für die DDR spioniert. Das prämierte Sachbuch: Birgit Weyhes Graphic Novel „Schweigen“ erzählt von zwei Frauen, die unter politischen Gewaltherrschaften leiden. Und die Jugendjury selbst vergibt einen Preis an „Badjens“ von Delphine Minoui, einen Roman über die mutigen Proteste junger Frauen im Iran. In ihrer Rede loben sie: „Durch seine nahbaren Charaktere und seine Aktualität fordert es dazu auf, aufmüpfig zu sein, statt wegzuschauen.“ Lesen öffnet neue Perspektiven Die Jugendjury gibt es seit 2003, junge Leserinnen und Leser aus sechs verschiedenen Leseclubs in ganz Deutschland entscheiden hier selbst, was gefällt. Mitglied Leo Hanstein aus Berlin ist 19 – er liest viel und alle Genres, Hauptsache es passiert was im Kopf: „Ich kann irgendwie jemand anderem in den Kopf schauen und macht total viele verschiedenen Perspektiven auf und hilft mir total, die Menschen um mich herum besser zu verstehen. Und wenn ich da wirklich eintauchen kann, dann ist es total bereicherndes Erlebnis irgendwie, was ich dann in mein Leben mitnehme.“ In der Bibliothek herrscht Totenstille So selbstverständlich wie für Leo ist der Zugang zu Büchern längst nicht für alle Jugendlichen. Die jüngsten PISA-Ergebnisse zeigen: Fast ein Drittel der 15-Jährigen in Deutschland erreicht beim Lesen nicht einmal das grundlegende Kompetenzniveau. Auch Babett beobachtet, wie selten Gleichaltrige heute noch zu Büchern greifen. Babett Finta: „In unserer Bücherei ist außer dem Leseclub kaum Jugendliche zu sehen. Auch wenn unsere Bücherei sehr viele Angebote für Jugendliche hat, es ist halt einfach Totenstille. Und ich komme auch von der Schule, wo sehr viele einfach das Lesen vermeiden.“ Wie also Kinder und Jugendliche fürs Lesen begeistern? Petra Bahr, Staatssekretärin im Bundesjugendministerium, hat darauf bei der Preisverleihung eine klare Antwort: O-Ton Petra Bahr: „Wir sind fest davon überzeugt, dass die Lust auf das Lesen der entscheidende Trigger für Lesekompetenz ist.“ Leseförderung braucht Finanzierung Doch ausgerechnet bei der Leseförderung wird gespart. Die Bundesförderung für das Programm „Lesestart 1–2–3“ soll Ende des Jahres auslaufen. Bisher versorgt das Programm Familien mit kleinen Kindern kostenlos mit Büchern und Anregungen zum gemeinsamen Lesen. Julia Abel, stellvertretende Vorsitzende des Dachverbands Jugendliteratur, fordert deshalb: „Leseförderung und Literaturvermittlung brauchen verlässliche Strukturen und eine dauerhaft gesicherte Finanzierung. Nicht irgendwann, sondern jetzt.“ Wie wichtig persönliche Begegnungen mit Literatur sind, zeigt Jutta Richter, Autorin von „Der Tag, als ich lernte die Spinnen zu zähmen“ oder „Ich bin hier bloß der Hund“. Sie bekommt den Jugendliteraturpreis für ihr Lebenswerk kündigte an, kostenlos in Schulen zu lesen. Jutta Richter: „Mir ist aufgefallen, dass ich noch nie in Sachsen-Anhalt gelesen habe. Und auch die Kinder in Thüringen habe ich nie kennengelernt. Ich wünsche mir, dass sich das ändert. Dass sich Schulen bei mir melden, die kein Geld für solche Veranstaltungen ausgeben können.“ Der Deutsche Jugendliteraturpreis ist der einzige staatlich finanzierte Preis für Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland und zeigt seit 70 Jahren, wie viel man Kindern und Jugendlichen zutrauen kann. An guten Geschichten mangelt es jedenfalls nicht. Die Herausforderung ist, möglichst vielen jungen Menschen die Chance zu geben, diese Bücher für sich zu entdecken.
  20. „Ich übersetze nur Texte, in denen ich eine tiefe Melodie höre“: Eva Profousová über das Übersetzen, KI und tschechische Gegenwartsliteratur

    12 min

    Tschechien an der Küste der Weltliteratur „Tschechien nennt sich selbst Land an der Küste“, erzählt die Übersetzerin Eva Profousová im Ehrengastpavillon der Frankfurter Buchmesse – und vor ihr breitet sich ein …

    Notes de l’épisode
    Tschechien an der Küste der Weltliteratur „Tschechien nennt sich selbst Land an der Küste“, erzählt die Übersetzerin Eva Profousová im Ehrengastpavillon der Frankfurter Buchmesse – und vor ihr breitet sich ein Meer aus „vielen kleinen Schiffen von kleinen unabhängigen Verlagen“ aus, das sie besonders begeistert. „Land an der Küste“ ist das Motto des diesjährigen tschechischen Gastland-Auftritts. Dabei sind Namen wie Radka Denemarková und Jáchym Topol sind für sie eher die „großen Schiffe“ in dieser Flotte. Das 19. Jahrhundert – gegenwärtiger als man glaubt Mitte des 19. Jahrhunderts müht sich Schriftstellerin Božena Němcová an einem patriotischen Märchen ab, an dessen Botschaft sie selbst nicht glaubt. George Sand trotzt in Frankreich den Konventionen und schreibt mit leichter Hand, während in Amerika John D. Rockefeller mit Erdöl zum ersten Milliardär der Geschichte wird. Radka Denemarková erzählt, auf den ersten Blick, eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert. Profousová liest Denemarkovás experimentellen Roman „Schokoladenblut“ als hochaktuelles Buch: „Dieser Kapitalismus, diese patriarchale Gesellschaft, diese Art mit Frauen umzugehen“, das käme alles aus diesem Jahrhundert. Topols Roman „Die Hölle gibt es nicht“ sieht sie hingegen als radikalen Jetzt-Roman, der mit Ukraine-Krieg, Pandemie-Ende und Generationskonflikt fragt: „Wer ist bereit, jetzt noch für etwas zu kämpfen?“ Beide Bücher hat sie aus dem Tschechischen ins Deutsche übertragen. Zwischen Märchen und Kneipe Fantastische Stoffe junger tschechischer Autorinnen und Autoren, wie Klara Vlasákovás „Die Kugel“ oder Jonáš Zbořil „Flora“ sind für sie kein magischer Realismus, eher „eine sanfte Verflechtung von ausgedachten Sachen und Realität“. Ob das Märchenhafte eine landestypisch Erzähltradition sei? Eva Profousová betont die „Tradition von Mündlichkeit“ der Geschichten, „ob in der Kneipe oder einfach nur so“, die die bedrückende Gegenwart erzählbar machen. Horchen, horten, mopsen, klauen Ungewöhnlich: Profousová selbst überträgt Texte aus dem Tschechischen ins Deutsche, wobei erstes ihre Muttersprache ist. Übersetzen beschreibt sie als „horchen, horten, mopsen und klauen“: „Alle Wörter, die ich irgendwo finde und schön finde, die muss ich mir irgendwie einverleiben.“ Literarische Übersetzung sei ein Dialog mit der Autorin, ein Hören auf „die tiefe Melodie“ des Textes. Künstliche Intelligenz kann das für sie nicht leisten: „Sie kriegen einen Text, aber er hat keine Stimme, keinen Geist.“
  21. Per Los in Tschechien: Geschichten „Jenseits von Prag“

    5 min

    Per Los in Tschechiens Städte – Geschichten „Jenseits von Prag“ Tschechien hat mehr zu bieten als Prag, Kafka und Bier – das zeigt der Band „Jenseits von Prag“. Darin: 12 Kurzgeschichten von deutschsprachigen …

    Notes de l’épisode
    Per Los in Tschechiens Städte – Geschichten „Jenseits von Prag“ Tschechien hat mehr zu bieten als Prag, Kafka und Bier – das zeigt der Band „Jenseits von Prag“. Darin: 12 Kurzgeschichten von deutschsprachigen Autoren und Autorinnen, die einen Monat in einer tschechischen Stadt verbracht haben. Das Los hat entschieden, wo es für Judith Herrmann, Clemens Meyer, Peggy Mädler und Co. hinging. Experiment mit ungewissem Ausgang Lubomír Sůva ist Lektor und einer der Herausgeber dieses Bandes. Bis die ersten Geschichten ihn erreicht haben, war er etwas in Sorge, ob sein Experiment aufgeht: „Ich war wirklich ein bisschen verängstigt, bis sie [die Autorinnen und Autoren] die Geschichten geschickt haben, weil ich dachte, es wird zu historisch sein. Aber alle haben einen persönlichen Weg gefunden.“ Der übliche literarische Kniff der Schreibenden: „Ich schicke einen Ausländer in die Stadt. Jemanden der dort zu Besuch ist. Ich finde, das ist kein schlechter Trick“, so der Lektor. Gruselig, albern und kritisch Aber manche der Geschichten gehen auch fantastische Wege. Der Autor Anselm Neft war in Budweis und hatte das Problem, dass die Stadt zu „perfekt und entspannt“ ist, erinnert sich Lubomír Sůva. Nefts Lösung: Sein literarischer Held trifft auf eine Vampirin. Zusammen leben sie ihren Blutdurst aus. „Daraus ist tatsächlich eine sehr spannende, auch sozialkritische und alberne Horrorgeschichte entstanden“, so Lubomír Sůva. Tschechien lesend kennenlernen Und doch: Die meisten der 12 Schreibenden seien bei ihrem Stil geblieben, ohne sich in der ungewohnten tschechischen Umgebung zu verlieren: „Sie wollten so schreiben, wie sie sind, aber irgendwie einen Weg auch zum Tschechischen finden“, so das Fazit des Lektors und Mitherausgebers. „Jenseits von Prag. 12 Städte. 12 Erzählungen“ ist eine wunderbare Einladung, sein eigenes Bild von Tschechien zu erweitern und unseren Nachbarn lesend neu kennenzulernen.
  22. Frankfurter Buchmesse 2026

    55 min

    Mit der Deutschen Buchpreisträgerin Shida Bazyar, 70 Jahre Kinder- und Jugendbuchpreis, neuen Hallenkonzepten, andauernden KI-Debatten und scheidenden Direktoren. Außerdem: Ahoj nach Tschechien!

  23. Shida Bazyar: „Wir müssen uns selbst misstrauen – wir denken alle, wir gehören zu den Guten“

    12 min

    Ein Roman gegen die Gleichgültigkeit „Ich schreibe nicht, um Preise zu bekommen“, sagt Shida Bazyar auf der Frankfurter Buchmesse. Ihr Roman „Die Lücken“ ist in diesem Jahr mit dem Deutschen Buchpreis …

    Notes de l’épisode
    Ein Roman gegen die Gleichgültigkeit „Ich schreibe nicht, um Preise zu bekommen“, sagt Shida Bazyar auf der Frankfurter Buchmesse. Ihr Roman „Die Lücken“ ist in diesem Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Eine vorteilhafte Auswirkung von solchen Auszeichnungen gebe es trotzdem, nämlich, dass wir „über die betroffenen Bücher sprechen und ins Gespräch kommen“. „Man versteht als Autorin nur, dass man einen Text geschrieben hat, wenn es eine Resonanz darauf gibt“, meint Bazyar. Vergessene Namen, gefüllte Lücken Bazyars Roman erzählt von Terror, Verfolgung und Verrat im fiktiven Ort Heimesbach im Hunsrück. Das Buch umfasst fast 100 Jahre deutscher Geschichte. Ausgangspunkt ihres Schreibens war ein lokalhistorisches Buch von Heinz Ganz-Ohlig, das die Namen von 21 ermordeten Jüdinnen und Juden im rheinland-pfälzischen Geburtsort der Autorin Hermeskeil sichtbar machte. „Ohne diese Recherche wären diese Personen vergessen“, sagt Bazyar im SWR Kultur lesenswert Magazin. Erst durch diese wichtige Erinnerungsarbeit habe sie begriffen, „wie immens meine eigenen Lücken sind“, weil sie sich davor nie mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ihres Heimatortes auseinandergesetzt habe. Ein Ort, den die Nationalsozialisten zum „Gaumusterdorf“ machten. Der Blick einer Toten auf Täter Wie näherte sich die Autorin literarisch den monströsen Taten der NS-Zeit in Hermeskeil an? In „Die Lücken“ erzählt ein Geist einer toten Frau. Er ist eine klare, sprechende Erzählinstanz, die durch den Text führt und auf die Täterinnen und Täter blickt. „Man darf nicht so tun, als hätten die Menschen keine Wahl gehabt“, betont Bazyar. Ihr Geist „sieht mehr als die Personen selbst und weiß um den Verlauf der Dinge“, ohne die Autorin selbst ins Zentrum zu rücken. Erinnerung, Angst und Misstrauen „Nach der Diktatur der Nationalsozialisten herrschte hier die Diktatur der Gleichgültigkeit“, heißt es im Roman. In ihrer Preisrede betonte Bazyar, dass jede Minderheit im Land gerade in Angst lebe, antisemitisch und rassistisch motivierte Straftaten seien auf dem Höchststand. Gleichzeitig wurde in Sachsen-Anhalt ein rechtsextremer Politiker zum Landtagspräsidenten gewählt: „Es ist keine Fußnote, es ist eine existenzielle Angst,“ meint die Buchpreisträgerin. Darüber müsste man mehr sprechen. „Ich weiß nicht, ob Gleichgültigkeit der richtige Begriff ist, aber es geht schon sehr stark in diese Richtung“. Zugleich fordert sie ein Misstrauen gegen das eigene Selbstbild: „Wir denken alle immer, wir gehören zu den Guten – das denken aber auch die Bösen.“
  24. Frankfurter Buchmesse 2026: Wie sich die Branche trotz Krise neu erfindet

    10 min

    Orientierung im Messe-Labyrinth Die Verlagsstände sind umgezogen, 2026 präsentiert die Messe ein neues Hallenkonzept. Ob das die Orientierung erschwere? „Ich finde mich auf der Frankfurter Buchmesse …

    Notes de l’épisode
    Orientierung im Messe-Labyrinth Die Verlagsstände sind umgezogen, 2026 präsentiert die Messe ein neues Hallenkonzept. Ob das die Orientierung erschwere? „Ich finde mich auf der Frankfurter Buchmesse grundsätzlich nicht zurecht, weil ich mich immer verlaufe“, sagt SWR Kultur Literaturredakteur Carsten Otte. Hinter den Kulissen sorge die fehlende Halle 6 für „Diskussionen“. Es geht darum, wo die Verlage ihren neuen Stand haben, die Kritik reicht dabei von schlecht belüfteten Hallen bis zu mangelhafter Ausstattung wie in einem „Billigkaufhaus“. Eventisierung und Leerstellen Dafür gibt es nun in jeder Halle eine Bühne mit Veranstaltungen, mehr als zehn an der Zahl. Die betrachtet Otte mit gemischten Gefühlen: Er fotografierte Reihen von Bühnen „auf denen gar nichts passiert“. Während Superstars wie Sebastian Fitzek für Schlangen sorgen und Genres wie New Adult die großen Shows liefern, erlebt er auch das Programm auf der ARD/ZDF/3Sat-Literaturbühne als „echt super besucht“. Bücher, Krise und KI Die Stimmung ist aber auch in diesem Jahr gedrückt: Die Lesekrise und 30 Prozent Einbruch bei jungen Käuferinnen und Käufern beschäftigen die Branche. Das zentrale Messethema dreht sich laut Otte um Künstliche Intelligenz: Von KI-geschriebenen Romanen bis zu komplett von KI verfassten Literaturrezensionen - die Technologie prägt Produktion und Rezeption. „KI ist aber auch eine Hilfe“, sagt Carsten Otte und hebt besonders Bildungsangebote hervor, die Kindern den Umgang mit KI erklären. Krieg, Politik und verschobene Märkte Trotzdem zeigt die Messe sich auch politisch: Am Ukraine-Stand machen verbrannte Bücher und „Ukrainian Writers in Arms“ die Realität des Krieges sichtbar. 13 Millionen Bücher seien während des russischen Angriffskriegs allein im August 2026 zerstört worden. Zugleich berichtet eine israelische Agentin von schwindenden Geschäftsbeziehungen in Europa und neuen Chancen etwa in Indien. Ottes Fazit bleibt vielstimmig: Der Messe-Slogan „This changes everything“ sei „Propaganda“ – Veränderungen entstünden nicht durch einen großen Moment, sondern durch „verschiedene kleine Dinge“.
  25. Wie der Literaturnobelpreis die Frankfurter Buchmesse aufwirbelt

    4 min

    Wo die Sektkorken knallen Donnerstagmittag, Halle 5, Stand von S. Fischer. Gerade kam die Nachricht aus Stockholm, der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an die kanadische Autorin Anne Carson. Hier wird …

    Notes de l’épisode
    Wo die Sektkorken knallen Donnerstagmittag, Halle 5, Stand von S. Fischer. Gerade kam die Nachricht aus Stockholm, der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an die kanadische Autorin Anne Carson. Hier wird Sekt ausgeschenkt, gefeiert. Die Bände „Decreation“ und „Rot“ brachte der Verlag im Deutschen heraus, ebenso wie die Theatertexte der Lyrikerin und Altphilologin. Nicht als einziger Verlag: Carsons Texte sind erhältlich bei Turia und Kant, Wallstein und, seit 2020, veröffentlichte Matthes und Seitz vier ihrer Lyrikbände. Gelenkige, mit Leben gefüllte Sprache Übersetzt hat sie Marie Luise Knott. Am Verlagsstand in Halle 3, erklärt sie, warum Carson die Auszeichnung verdient: „Das Besondere an ihrer Person ist einfach, dass sie so wahnsinnig vielschichtig ist und eben die Sprache nach dem untersten Grund befragt und gleichzeitig aber das Englische unheimlich gelenkig hin und her wendet und mit Leben füllt. Jedes Wort wird mit Leben gefüllt, das fasziniert mich wahnsinnig." Carsons Bücher liegen hier am Stand noch nicht aus. Heißt für die Mitarbeiter: anpacken. „Die sind jetzt quasi auf dem Weg hierhin sozusagen. Kollegen, die noch kommen, bringen die mit. Das ist der schnellste Weg jetzt, die einfach, glaube ich, direkt mitzubringen. Was bedeutet diese Würdigung für die Verlage – mitten im Frankfurter Messetrubel? Benjamin Vieth, Pressemitarbeiter bei Matthes und Seitz: „Das schauen wir mal. Wir müssen uns erstmal sammeln, so ein bisschen tatsächlich. Also wir sind jetzt irgendwie, das ist ja jetzt gerade direkt der Trubel losgebrochen, erfreulicherweise." Und nach der Buchmesse? Bücher, die nicht mehr auf Lager sind, nachdrucken lassen? Verleger Andreas Rötzer meint: „Wir drucken natürlich sofort nach, die Druckerei ist schon dabei." Lektor Hans Jürgen Balmes über die Preisträgerin Zurück am Messestand von S. Fischer. Hans Jürgen Balmes, Lektor, hat die deutschsprachigen Übersetzungen von Lyrikerin Anja Utler betreut – und beweist beinahe prophetisches Bauchgefühl. „Ich hatte heute Morgen, bin ich immer ins Arbeitszimmer hochgegangen bei mir zu Hause und habe zwei Exemplare eingepackt, weil ich so eine Vorahnung hatte. Und es waren dann noch die einzigen Exemplare auf der ganzen Messe." An Carson schätzt er besonders ihren Facettenreichtum. „Diese Werke sind so vielseitig von der Graphic Novel über Theaterbearbeitung, Libretti zu dem, was man normalerweise als Gedicht auf der Seite erkennt. Das alles zusammen ist ein ganz komplexes System, das unheimlich viele Zugänge ermöglicht. Dazu kommt, dass sie viele Themen eigentlich innerhalb der Lyrik schon aufgebracht hat, die erst heute zum Teil so stark an Virulenz gefunden haben. Also zum Beispiel die ganze Genderproblematik, die sie in „Autobiography of Red“ entwickelt. Das Buch ist ja 25 Jahre alt und damals war sowas ein richtig mutiger Schritt." Themen, die gerade in vielen Romanen wieder verhandelt werden. Lektor Balmes hat das passende Carson Zitat parat: „Prosa ist ein Haus, aber Poesie ist ein Mann in Flammen, der durch es läuft. Es geht ja drum, die Prosa, die solche Themen fixieren will, immer wieder in Brand zu setzen, um Funken der Erkenntnis zu erzeugen." Wer liest Anne Carson? Messefreitag, Publikumstag. Durch die Festhalle schieben sich die Massen. Dort sind in diesem Jahr die Stände der Romance, Romantasy-Verlage. Darunter: ein Stand, der sich auf lesbische Genreliteratur spezialisiert hat, der Yvla Verlag mit dem Slogan: Lesbian Romance Sappho would read. Hier geht es um Liebesgeschichten zwischen Frauen, um Nähe, um Happy Ends. Die Literaturnobelpreisträgerin hat Sappho aus dem Altgriechischen ins Englische übersetzt. Ob die Leserinnen hier Carsons Texte schon kennen, der Funke schon übergesprungen ist? Die stöbernden Leserinnen verneinen. Neugierig sind sie trotzdem. „Ich finde, es hört sich durchaus spannend an." Anne Carson gilt als schwer zugänglich: Gedicht, Essay, Übersetzung, alles in einem Buch. Aber der Nobelpreis senkt die Schwelle. Viele, die sich bisher nicht herangetraut haben, werden es jetzt versuchen.
  26. Die Zerstörung der Vernunft: Robert Misiks „Die Kunst des Widerstands“

    4 min

    Die Verschwurbelung der Welt schreitet voran, der gesellschaftliche Diskurs wird immer aggressiver. Die radikale Rechte trägt dazu mehr als nur ein Scherflein bei. Eines ihrer wirksamsten Instrumente: die …

    Notes de l’épisode
    Die Verschwurbelung der Welt schreitet voran, der gesellschaftliche Diskurs wird immer aggressiver. Die radikale Rechte trägt dazu mehr als nur ein Scherflein bei. Eines ihrer wirksamsten Instrumente: die Grenzen zwischen Verschwörungswahn, völkischer Hetze und raunender Esoterik mehr und mehr zu verschieben. Damit betreiben die Rechtsautoritären das, was der Philosoph Georg Lukács einmal „Die Zerstörung der Vernunft“ genannt hat, meint der Wiener Publizist Robert Misik: „Ich glaube, wir erleben eine Zerstörung der Vernunft in zweierlei Hinsicht. Einerseits in dieser alltäglichen Form: vielleicht zweimal nachdenken, die verschiedenen Seiten einer Sache zu betrachten und so weiter. Das ist heutzutage im Schwarz-Weiß-Denken der allgemeinen Empörung, die immer mehr zutage tritt, nicht mehr so en vogue.“ „Und andererseits, in einem viel breiteren Sinne, versucht die rechtsradikale Agitation, die immer mehr Raum einnimmt, Vernünftigkeit und Vernunft grundsätzlich zu zerstören, die Menschen zu verwirren“, führt der Autor fort. „Weil die Konfusion und das Gefühl, man kennt sich überhaupt nicht mehr aus, man durchschaut überhaupt nichts mehr, es ist alles gleich viel wert, denen eigentlich in die Karten spielt.“ Ein aufgeweckter Kopf Robert Misik zu lesen ist ein Gewinn, auch für Menschen, die seine weltanschauliche Grundposition nicht teilen – einen für Grüne und Liberale offenen Sozialdemokratismus. Der Autor, ein aufgeweckter Kopf, argumentiert schlüssig und ohne dogmatische Verkrampfungen. In seinem aktuellen Buch plädiert Misik für einen kämpferischen Linksliberalismus: „Aber gleichzeitig hat natürlich auch der Linksliberalismus seine Schwächen. Der denkt so lange nach – und bedenkt alle Seiten und ist immer vorsichtig und moderat – bis er überhaupt nichts mehr zuwege bringt. Das ist die Hauptschwäche des Linksliberalismus.“ Wenn man die Stärken des Linksliberalismus bewahren will, dann bräuchte es so etwas wie einen „radikalen Linksliberalismus“, also einen Linksliberalismus, der nicht so lahm daherkommt. Zumindest in diese Richtung sollte man denken.

    Quelle: Robert Misik

    Linkspopulismus als Sackgasse Womit Robert Misik wenig anfangen kann: mit linkspopulistischen Konzepten, wie sie der britisch-argentinische Philosoph Ernesto Laclau und später auch Sarah Wagenknecht formuliert haben – die autoritäre Rechte zu besiegen, indem man sich selbst rechter Argumentationsmuster bedient. Das kann nicht klappen, so Misik. Er wählt dafür ein einleuchtendes Beispiel: Aus Trump-Wählern Bernie-Sanders-Wähler zu machen, indem man ein bisschen rede wie Trump, das funktioniere nicht. „Ich glaube nicht, dass Linkspopulismus, so wie man sich das vorstellt, funktionieren kann. Schon alleine deswegen, weil das Reservoir für linke Parteien, das Wählerpotential, aus einer ganzen Breite von Bevölkerungsteilen besteht“, erläutert Misik. „Und wenn ich jetzt versuche, mit einer Versimpelung der Sprache und plumpem Schwarz-Weiß-Denken verärgerte, frustrierte Wähler zu gewinnen, dann schrecke ich mindestens genauso viele Wähler und Wählerinnen ab, die das gar nicht so toll finden, die auch Komplexität und Uneindeutigkeit aushalten wollen.“ Kämpferische Widerständigkeit „Die Kunst des Widerstands“: Robert Misiks Essaysammlung ist eines der Bücher der Stunde. Zum einen bietet der Band eine profunde Gegenwartsdiagnose, zum anderen zeigt der Autor, auch im Rückgriff auf emanzipatorische Geister wie George Orwell und Pier Paolo Pasolini, gangbare Wege kämpferischer Widerständigkeit auf. Wobei sich Misik in einem sicher ist: Die „terribles simplificateurs“, die schrecklichen Vereinfacher, kann man nicht schlagen, indem man selbst zum schrecklichen Vereinfacher wird. Gegen den autoritären Irrationalismus hilft letztlich nur eines: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung – und der Mut, sie offensiv und lustvoll zu verteidigen.
  27. Sehnsucht nach Stabilität

    4 min

    Auch in dieser Familie, von der Philipp Oehmke in seinem zweiten Roman erzählt, liegt einiges im Argen. Emilia Papenburg hat ihren Mann verlassen und ist aus der Uckermark nach New York gezogen. Die beiden …

    Notes de l’épisode
    Auch in dieser Familie, von der Philipp Oehmke in seinem zweiten Roman erzählt, liegt einiges im Argen. Emilia Papenburg hat ihren Mann verlassen und ist aus der Uckermark nach New York gezogen. Die beiden Kinder hat sie mitgenommen, andere familiäre Brücken abgebrochen: „In den letzten fünfzehn Jahren hatte sie ihre Eltern erfolgreich aus ihrem Leben verbannt. Ihre Mutter war eine charakterschwache Alkoholikerin, und ihr Vater hatte einfach zu viele Fehler gemacht.“ Erst seit sie selbst Mutter war, fiel ihr auf, wie schlecht ihre eigenen Eltern waren und wie unverzeihlich sie das fand. Sie wollte sich nicht mehr in deren Dreck hineinziehen lassen, in deren ungelöste Probleme, ihre Streits.

    Quelle: Philip Oehmke – Papenburg

    „Das Leben ist zu kurz, um sich durch dysfunktionale Familien zu quälen“ Thomas Papenburg, Emilias Vater, ist ein Tech-Milliardär auf Sinnsuche. Von ihrer Mutter Katrin, die immer wieder erfolglos versucht, dem Alkohol abzuschwören, hat er sich schon vor Jahren getrennt – und Tochter Emilia damals mitgenommen. Katrin blieb alleine zurück. Verpflichtungen sind in Thomas Papenburgs Familienmodell nicht vorgesehen: „Mein Modell ist moderner, freier. In meinem Modell geht man, wenn es nervt. Denn warum sollte man bleiben? Wenn die Longevity-Forschung weiterhin so langsam vorankommt, bleibt das Leben momentan zu kurz, um sich durch dysfunktionale Familien durchzuquälen.“ Doch dann erfolgt ein Sinneswandel. Der rote Faden des ausladenden Romans von Philipp Oehmke ist die Wiederzusammenführung der Familie Papenburg – und der Schönwalds aus seinem ersten Roman, dieser bundesdeutschen „Betonfamilie“, wie Emilia sie nennt, in der alle Konflikte unter den Teppich gekehrt werden. Vor der Kulisse der USA in der zweiten Amtszeit von Donald Trump verknüpft Oehmke die Schicksale der beiden Familien bis zu einem gemeinsamem, komplett aus dem Ruder laufenden Weihnachtsfest. Benni Schönwald, Emilias Mann und „linksliberaler Funktionsjackenträger“, reist nach New York, um sich dort in Emilias luxuriösen Townhouse nach dem „Nesting“-Prinzip wochenweise um die Kinder zu kümmern. Politische Gesinnungswechsel nach vermeintlichen Notwendigkeiten Bennis Bruder Chris Schönwald, ehemals gefeierter Literaturprofessor, arbeitet jetzt als Communications Director für die Trump Regierung und unterstützt Thomas Papenburg bei dessen neuestem Projekt, einem Think Tank, der Konzepte für die Sicherheit im Atomkrieg entwickeln soll. Die politische Einstellung seiner Unterstützer ist für Thomas Papenburg, der seine Gesinnung ebenso wie Chris Schönwald den vermeintlichen Notwendigkeiten anpasst, nebensächlich: „Urs Leuthard und Chris Schönwald, man musste sie wohl als rechts bezeichnen, falls diese Begriffe noch etwas bedeuteten. Und seine alten Freunde Thiel, Andreessen und natürlich den furchtbaren Elon sowieso. Thomas war es, ehrlich gesagt, egal, solange er dabei sein konnte. Es waren nur Hüllen. Mal trug man die Hosen eng, dann wieder weit.“ Etwas langatmig sind die Passagen über den Think Tank, etwas bemüht der Versuch, wirklich alle Ereignisse der jüngeren US-Geschichte anzuspielen, von 9/11 über die Erstürmung des Kapitols, die Ermordung George Floyds, die Opioid-Krise bis zum aktuellen gewaltsamen Vorgehen der ICE-Beamten gegen Immigranten, das immer wieder über Bildschirme flimmert. Protestantischer Widerwillen gegen Luxus Mit Mutter Ruth Schönwald, die zum gemeinsamen Weihnachtsfest mit ihrem Mann nach New York fliegt, nimmt der Roman noch an Fahrt und auch an Komik auf. Tatsächlich ist Mutter Ruth in ihrem protestantischen Widerwillen gegen das Luxusleben der Papenburgs die Figur mit der überzeugendsten psychologischen Zeichnung. Verunsicherung, Verletzungen und Sehnsucht nach familiärer Stabilität werden bei allen Figuren deutlich. Dass Philipp Oehmke lange Jahre als Reporter gearbeitet hat, ist auch sprachlich spürbar und führt zu einem Unterhaltungsroman, der politische Gesinnungswechsel ebenso vor Augen führt wie die fundamentalen Risse, die durch die US-amerikanische Gesellschaft gehen – und durch diese beiden Familien.
  28. Freud auf der Couch: Lesen als kritische Praxis

    4 min

    Träume sind diffuse Zerrbilder unseres Erlebens. Und sie sind flüchtig. Traumdeutungen, die in den persönlichen Erzählungen überindividuelle Muster erkennen wollen, sind hingegen überraschend langlebig. Daraus …

    Notes de l’épisode
    Träume sind diffuse Zerrbilder unseres Erlebens. Und sie sind flüchtig. Traumdeutungen, die in den persönlichen Erzählungen überindividuelle Muster erkennen wollen, sind hingegen überraschend langlebig. Daraus hat sich eine ganze Wissenschaft entwickelt, die Psychoanalyse. Unter dem Namen ihres Urhebers, Sigmund Freud, wird so einiges an Klischees vermengt. Mal münden sie in radikaler Abwertung, mal in beschönigender Idealisierung. Der Philosoph Andreas Mayer hält dem eine differenziertere Perspektive auf Traumdiskurse entgegen: Und begibt sich abseits bekannter Narrative auf Spurensuche: „Freud gegen den Strich. Eine andere Geschichte der Psychoanalyse“ heißt sein neues Buch, das in sechs Essays ein neues Licht auf die Freuds Hauptwerk wirft. Wie also klingt eine solche ‚andere Geschichte‘? Die Traumdeutung neu deuten Mayer beginnt damit, sich von früheren, biographischen Lesarten der Traumdeutung zu verabschieden. Ihnen attestiert der Wissenschaftshistoriker eine fragwürdige Zentrierung auf ihren Urheber, und fordert stattdessen: Eine historische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse. Sie verabschiedet sich von der ‚biographischen Illusion‘.

    Quelle: Andreas Mayer – Freud gegen den Strich

    Jede Biographie macht ihren Protagonisten zum Helden: und stellt ihn dabei auf einen Thron. Hinter jene ‚biographische Illusion‘ zurückzutreten, bedeutet: Ihren vermeintlichen Helden auch mit seinen Schattenseiten zu porträtieren. Mayers Buch ist ein solcher Versuch. Als Mitbegründer der sogenannten New Freud Studies will Mayer damit sein eigenes Fach für das interdisziplinäre Gespräch öffnen. Für die Bedeutung der Psychoanalyse heute bedeutet das: Wer Träume deutet, tut das mit Freud, nach Freud und womöglich auch an Freud vorbei; in jedem Fall muss sich der Rezipient aber zu der Kulturtheorie der Psychoanalyse verhalten – um durch geschichtliches Bewusstsein kritikfähig zu bleiben. Schlaglichtartig beleuchtet Mayer zu diesem Zweck sechs entstehungsgeschichtliche Zusammenhänge der Traumdeutung. Dabei ist er weniger Philosoph als Archäologe, der akribisch und mit historischem Scharfsinn verdeckte Spuren freilegt. Antike und moderne Methoden der Traumdeutung Anhand von Fallstudien bringt er antike und moderne Methoden der Traumdeutung miteinander ins Gespräch. Darunter ein Kapitel über die Anfänge der freien Assoziation als Praxis des Spazierengehens oder antike Traumbücher als Wissensmedien. Besonders anschaulich ist dabei ein Exkurs über Francis Galtons Experimente der sogenannten ‚psychometrischen Mischfotografie‘: Dabei sollen mentale Zustände anhand von verzerrten Gesichtscollagen abgebildet werden. Alle Aufsätze eint die Fragestellung: Welche fruchtbaren, aber auch problematischen Folgen hatten die jeweiligen Deutungspraktiken? So thematisiert Mayer unter anderem Freuds durchaus fragwürdige Praxis der Selbstzensur. Der hat nämlich bei der Wiedergabe seiner Träume intime sexuelle Details einfach ausgelassen – um seine eigene wissenschaftliche Autorität nicht zu untergraben. Bestimmte Informationen werden den Lesern vorenthalten. Mayer schließt daraus: Insofern musste nicht nur die Theorie, sondern auch die Deutung zentraler Traumbeispiele unvollständig bleiben. Diese Unvollständigkeit sollte bald zum Problem werden.

    Quelle: Andreas Mayer – Freud gegen den Strich

    Blinde Flecken der Interpretation In dieser Diagnose klingt eine allgemeine Mahnung mit: Jede Theorie muss die Grauzonen ihrer eigenen Methodik reflektieren. Darin liegt die Stärke des Buches: Die Essays zeigen, dass jede Interpretation blinde Flecken hat. Und sie fungieren als Anstöße zur Selbstbefragung. Das macht das Buch lesenswert über den akademischen Kreis hinaus: Auch interessierte Laien können hier lernen, wie Lesen als kritische Praxis funktioniert. Auf die Frage ‚Wie Freud heute noch lesen?‘, lautet Mayers Antwort: Durch eine Schulung im historisch-kritischen Lesen. Ein Klassiker wie die Traumdeutung wird dadurch aktuell, dass man ihn im Zusammenhang seiner Entstehung betrachtet. Erst dann wird sichtbar, was er uns noch zu sagen hat.
  29. Alles so schön bunt hier! Die Geschichte des Universums in Farben

    4 min

    Ödes Beige Sie denken, die Farbe des Universums sei schwarz? Da irren Sie. Es ist ein fades, weißliches Beige. Woher wir das wissen? Nun, zu Beginn der 2000er-Jahre haben Astronomen das Licht von …

    Notes de l’épisode
    Ödes Beige Sie denken, die Farbe des Universums sei schwarz? Da irren Sie. Es ist ein fades, weißliches Beige. Woher wir das wissen? Nun, zu Beginn der 2000er-Jahre haben Astronomen das Licht von hunderttausenden von Galaxien statistisch gemittelt, um die „Farbe des Universums“ zu bestimmen. Heraus kam ein ödes Beige, farblich angesiedelt irgendwo zwischen Milchkaffee und Rentnerhose. Die Forschenden verpassten der Farbe, um das Ganze etwas aufzumotzen, den Namen „Cosmic Latte“. Florian Freistetter hält das ganze Projekt für irreführend. In Wirklichkeit, so erklärt er in seinem Buch, schillert das Universum in tausend Farben. Das Universum ist so viel mehr und so viel bunter als der schwarze Hintergrund mit seinen wenigen leuchtenden Punkten, den wir typischerweise sehen, wenn wir in der Nacht zum Himmel schauen.

    Quelle: Florian Freistetter – Die Farben des Universums

    Die Farben des Regenbogens Vom rostigen Rot der Marsoberfläche zum gläsernen Grün des planetarischen Nebels IC 1295: Florian Freistetter durchmisst das Weltall in seinem populärwissenschaftlichen Buch mit bemerkenswerten Entertainment-Qualitäten. Die einzelnen Kapitel hat der Wiener Astronom nach den Farben des Regenbogens benannt, was Freistetter Gelegenheit zu allerlei Ausflügen in die Kuriosologie unseres Kosmos gibt. Wir leben in einem bunten Universum, und jede einzelne Farbe darin erzählt ein anderes Kapitel der großen kosmischen Geschichte.

    Quelle: Florian Freistetter – Die Farben des Universums

    Er sei zwar Wissenschaftler, so Florian Freistetter, einen gewissen Sinn für die Poetik des Universums habe er sich aber trotzdem bewahrt: „Für mich ist der Anblick des Himmels nicht weniger schön oder ästhetisch-romantisch als für andere Menschen. Nur, weil ich weiß, was im Universum vor sich geht, wird es nicht weniger schön. Das Wissen bringt immer nur mehr Schönheit dazu.“ Unsere Sinne täuschen Mithilfe moderner Technologie kann die Astronomie heute Farben und Phänomene sichtbar machen, die uns sonst verborgen geblieben wären. Dazu gehören etwa alle Arten von Infrarot-, Röntgen- und Ultraviolettstrahlung. „Man glaubt ja immer: das, was man mit eigenem Auge sieht oder mit den eigenen Sinnen wahrnimmt, das ist die beste Informationsquelle – was nicht der Fall ist. Es gibt kaum etwas Schlechteres als unsere eigenen Sinne“ , so Freistetter. „Unsere Sinne täuschen uns auf so viele verschiedene Arten, dass es eigentlich ein Wunder ist, dass wir überhaupt ein halbwegs vernünftiges Leben führen können.“ Florian Freistetter ist ein exzellenter Schreiber und ein noch exzellenterer Erklärer. Im Nebenberuf als Wissenschafts-Kabarettist bei den „Science Busters“ tätig, versteht der 49-Jährige, selbst die kompliziertesten Sachverhalte so zu beschreiben, dass auch naturwissenschaftlich Minderbemittelte sie verstehen können. Freistetter lockert seine Ausführungen immer wieder mit kleinen Jokes und verblüffenden Alltagsvergleichen auf, das erhöht das Lesevergnügen. Elon Musk würde die Puste ausgehen In seinen Einlassungen zum Mars, unserem roten Nachbarplaneten, beschäftigt sich der Autor auch mit den Möglichkeiten einer Mars-Besiedelung – bekanntlich einem der feuchten Träume Elon Musks und Co. „Das Problem ist, dass es nicht so einfach ist, zum Mars zu kommen. Das ist eine Umwelt, die komplett lebensfeindlich ist. Da gibt es keine Atmosphäre, die wir atmen können. Es gibt kein Magnetfeld, das die Menschen vor kosmischer Strahlung schützt. Und es gibt kein Wasser, mit dem man etwas anpflanzen könnte.“ Die Atmosphäre auf dem Mars besteht so gut wie ausschließlich aus CO2, zudem herrscht auf dem „Roten Planeten“ eine Durchschnittstemperatur von minus 60 Grad. Da dürfte selbst einem Elon Musk rasch die Puste ausgehen. Florian Freistetter freilich atmet die frische, klare Luft des wissenschaftlichen Erkenntnishungers in seinem Buch. Macht Spaß, das zu lesen. „Die Farben des Universums“: ein Band, der erhebliche Leuchtkraft entfaltet.
  30. SWR Bestenliste Oktober

    1 h 8 min

    Vier Bücher und so gut wie kein Dissens, ist das möglich? Judith von Sternburg, Paul Jandl und Hubert Spiegel aus der Jury der SWR Bestenliste stellten vor allem die literarischen Qualitäten der ausgewählten …

    Notes de l’épisode
    Vier Bücher und so gut wie kein Dissens, ist das möglich? Judith von Sternburg, Paul Jandl und Hubert Spiegel aus der Jury der SWR Bestenliste stellten vor allem die literarischen Qualitäten der ausgewählten Bücher heraus. Die Veranstaltung im ausverkauften Schießhaus begann mit dem Roman „Das Leben der M“ von Rachel Cusk, den Eva Bonné für den Suhrkamp Verlag ins Deutsche übertragen hat und der auf Platz 5 der SWR Bestenliste im Oktober steht. Zwar konnte sich die Runde nicht darauf einigen, ob der Text tatsächlich als „Roman“ zu bezeichnen sei, aber die Art und Weise, wie Cusk die Identität einer prominenten Schauspielerin dekonstruiert, überzeugte das Podium. Der Roman „Die Lücken“ von Shida Bazyar (Platz 4) wird in Heilbronn als Großwerk der Erinnerungsliteratur gefeiert. Vor allem die migrantische Perspektive auf das fiktive Hunsrück-Örtchen Heimesbach wird von Juror Hubert Spiegel (FAZ) gelobt. Etwas „zu gemütlich“ findet hingegen Judith von Sternburg den Erzählton in Ingo Schulzes Roman „Das Wasser im August“ (Platz 2), die Kritikerin der Frankfurter Rundschau freut sich aber, dass der Autor für ein verbales Abrüsten in den gegenwärtigen Ost-West-Debatten plädiert. Bei der Spitzenreiterin der Bestenliste im Oktober gab es dann großes Lob für die Erzählkunst der Schriftstellerin Emma Cline. Ihr neuer Roman „In die Schweiz“ steht nun im zweiten Monat hintereinander auf Platz 1, und die Jury zeigt sich begeistert von der Geschichte des demenzkranken David Hastings, der sich für einen assistierten Suizid in Zürich entschieden hat. Dabei zeigt sich auch auf sprachlicher Ebene, worunter die Hauptfigur leidet: Die Gegenwart jedenfalls weiß David immer schwerer einzuordnen, während vergangene Erlebnisse ihm weiterhin zu schaffen machen. NZZ-Kritiker Paul Jandl zeigt sich beeindruckt von der Empathie der jungen Autorin für die Gebrechen des alten Mannes und empfiehlt die Lektüre des herausragenden Buchs. Aus den vier Büchern lasen Antje Keil und Dominik Eisele. Durch den Abend führte Carsten Otte.

Voici les 100 derniers épisodes sur 904. Les épisodes plus anciens se trouvent dans le flux du podcast.

De la station de radio

SWR Kultur

SWR Kultur est la station de radio publique du Südwestrundfunk pour la culture exigeante. Découvrez un programme varié de musique classique, de jazz, de musique du monde et de littérature, ainsi que des features approfondis et des conversations avec des artistes et des scientifiques sur l'art, la société et la philosophie.